Ein Ziborium aus St. Mariä Heimsuchung in Hennef-Rott

Wilhelm Polders, Kevelaer, 1985
Silber, Tombak, vergoldet, getrieben, graviert, gegossen, Filigran belötet
Höhe: 35,4 cm
Die Kirche St. Mariä Heimsuchung in Hennef-Rott, 1906 im neugotischen Stil gebaut, feiert dieses Jahr ihr 120-jähriges Bestehen. Über viele Epochen fanden unterschiedlichste Kunstobjekte den Weg in die Kirche, die neben historischen Werken (unter anderem aus dem ehem. Kloster Geistingen), auch ein besonders gelungenes Beispiel der Goldschmiedekunst aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts besitzt.
Ein Ziborium mit figürlicher Darstellung des Guten Hirten wurde 1985 in der Goldschmiede Polders in Kevelaer gefertigt, wie die Inschrift unter dem flachen Rundfuß verrät: ST. MARIA HEIMSUCHUNG HENNEF/SIEG-ROTT FECIT W. POLDERS KEVELAER, SEPT. 1985.
In seiner Grundform folgt das Ziborium ganz dem Aufbau des klassischen Speisekelches mit Fuß, Schaft, Kuppa und abnehmbarem Deckel, der sich ab dem 13. Jahrhundert in Analogie zum Messkelch durchsetzte, und dient der Aufbewahrung der geweihten Hostien im Tabernakel. Neben der praktischen Verwendung, die das Gefäß im Rahmen der Liturgie seiner Funktion entsprechend einnimmt, ist es hier auch Instrument katechetischer Vermittlung, indem es in seiner figürlichen Gestaltung zentrale Motive des christlichen Glaubens in den Fokus setzt:
Den Schaft des Ziboriums umspinnt ein kunstvolles Rankenwerk aus filigranem Drahtgeflecht mit plastisch gebildeten Traubendolden und Kornähren. Trauben und Ähren verweisen als Symbole der Eucharistie in der Gestalt von Wein und Brot auf die Gegenwart Jesu Christi und das zentrale Sakrament des Christentums. Die verschlungenen Linien des Rankengeflechts entwickeln eine bewegte Dynamik, die das komplexe Mysterium dieser Wandlung zu verbildlichen sucht. Die Inschrift auf dem Fußrücken, „GOTTHEIT TIEF VERBORGEN BETEND NAH ICH DIR“, bestätigt dieses Motiv, denn es handelt sich hier um das gleichnamige Kirchenlied (Gotteslob Nr. 497), eine Übersetzung der Nonne Sr. M. Petronia Steiner OP, als Kontrafaktur des lateinischen Hymnus „Adoro te devote“ den der Kirchenlehrer Thomas von Aquin zu Ehren der Einführung des Fronleichnamsfestes 1264 verfasste.
Auch die schlichte, glattwandige Kuppa des Ziboriums trägt unterstützend die formelhafte Inschrift: „IN DER KRAFT DIESER SPEISE“ und leitet über zum nächsten zentralen Motiv, das die Deckelinschrift vorwegnimmt: „DAS LAMM WIRD SIE WEIDEN UND ZU DEN QUELLEN FÜHREN“. Ein Verweis auf Offenbarung 7:17 „Denn das Lamm, das in der Mitte des Thrones ist, wird sie weiden und zu den Quellen des Lebens führen, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.“ Auf dieser Überzeugung fußt die Gestalt des Guten Hirten, die die Aufsatzfigur des Ziboriums bildet. Christus ist gleichzeitig Hirte und Opferlamm. Feinfühlig hat Polders den Ausdruck des Lammes modelliert, das sich um die Schultern des Hirten schmiegt. Kleine Kringel aus aufgelegtem Edelmetalldraht schaffen die Struktur des Felles, während das Hinterbein schmal über die Brust des Hirten ausläuft. Es erinnert an das Pallium des Papstes und der Bischöfe, das seinen Ursprung im Motiv des Hirten hat.
Gefertigt in Rom, aus der Wolle gesegneter Lämmer, soll es die Geistlichen in Nachfolge Jesu als pastor bonus ausweisen. Die ikonografische Darstellung des guten Hirten ist eines der ältesten Motive für Jesus Christus und bebilderte schon die römischen Katakomben des 3. Jahrhunderts. Es fasst die zentralen Gedanken von behütender Nächstenliebe, Opfertod und Erlösung in der Verschränkung von Hirte und Lamm zusammen. In diesem Sinne lässt sich das Bildprogramm des Ziboriums in St. Mariä Heimsuchung lesen. Darüber hinaus wird deutlich, wie die Goldschmiedekunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer klar fokussierten Form in der Vermittlung christlicher Botschaften findet, die sich hier in der Arbeit von Wilhelm Polders widerspiegelt.