Figurenreiches Glanzstück: Ein spätgotisches Altarretabel in Zülpich-Bürvenich

Antwerpen, um 1520
Reliefs: Holz, geschnitzt, polychrom gefasst, teilweise vergoldet; Flügel und Predella: Öl auf Holz
Maße (geschlossener Zustand): ca. 340 x 255 x 40 cm
In der Kirche Stephani Auffindung in dem Dörfchen Bürvenich bei Zülpich steht im Chor, bei geöffneten Flügeln goldglänzend, ein spätgotisches Flügelretabel. Das prächtige Werk würde man in der schlichten, auffällig langgezogenen Kirche zunächst nicht vermuten. Seine Existenz an diesem Ort erklärt sich wahrscheinlich durch das seit dem Mittelalter dort ansässige Zisterzienserinnenkloster, das sich die Kirche bis zu seiner Auflösung im Jahr 1805 mit der Pfarrgemeinde teilte.
Das Retabel diente ursprünglich als Altaraufsatz. Es besteht aus einem mittleren Kasten, der in mehreren Registern durch kleinformatige geschnitzte, gefasste und vergoldete Holzreliefs gestaltet ist. Die Flügel sind auf beiden Seiten bemalt. Seit dem Hochmittelalter wurden Altäre zunehmend durch dekorierte Aufsätze ausgezeichnet, die sich im Spätmittelalter zu reich verzierten Kunstwerken mit Malereien oder geschnitzten Reliefs entwickelten. Manche Orte wurden zu spezialisierten Exportzentren für solche Werke, so unter anderem Antwerpen, wo auch das Bürvenicher Retabel gefertigt wurde. Stilistisch kann es in die Zeit um 1520 datiert werden.
Die sogenannte Predella, der untere, sockelartige Teil des Retabels, ist eine Neuschöpfung während einer Restaurierung von 1911. Sie zeigt, die spätgotische Malerei imitierend, Christus mit den Wundmalen, dessen Mantel von Maria und Johannes gehalten wird. Im geschlossenen Zustand sind zunächst nur die äußeren Seiten der Flügel sichtbar: Auf vier längsrechteckigen Feldern sind außen die Begegnung von Abraham und Melchisedek sowie die Mannalese aus dem Alten Testament zu sehen, in den inneren Feldern die Gregorsmesse. Alle Darstellungen spielen auf Eucharistie und Messopfer an.
Wird das Retabel an Festtagen geöffnet, zeigt es mit den reich vergoldeten, geschnitzten Reliefs nun seine ganze Pracht. Die jetzt zugleich sichtbaren Malereien auf den Innenseiten der Flügel zeigen Szenen aus der Passion Christi, die sich im mittleren Teil mit den geschnitzten Szenen fortsetzen und in der zentralen und erhöhten Szene der Kreuzigung kulminieren. Die Erzählung wird hier sozusagen gattungsübergreifend gestaltet. Die Szenen zur Passion Christi im Mittelteil werden im unteren Bereich ergänzt durch etwas kleinformatigere Szenen zur Geburt und Kindheit Jesu. Dabei wird die Geburt Jesu in der Mitte vertikal in Beziehung zur Kreuzigung gesetzt und die beiden großen Ereignisse des christlichen Glaubens somit ins Zentrum des Werkes gerückt.
Die Herkunft des Werkes in Bürvenich lässt sich zwar nicht ganz lückenlos zurückverfolgen, wahrscheinlich jedoch gehörte der Antwerpener Schnitzaltar schon immer dorthin und wurde im frühen 16. Jahrhundert von auswärtigen Förderern für das Zisterzienserinnenkloster gestiftet, oder aber vom Konvent selbst angeschafft. Nach der Aufhebung des Klosters im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts ging das Retabel in den Besitz der Pfarrgemeinde über, 1891 verkaufte sie dieses dann nach St. Gereon in Köln. Proteste gegen den Verkauf mit Hinweis auf die Bedeutung des Stückes für die Bürvenicher Ortsgeschichte gab es damals, konnten sich aber nicht durchsetzen. 1911 wurden im Zuge einer Restaurierung neben der Ergänzung der Predella auch ein paar kompositorische Änderungen vorgenommen und zum Beispiel der obere Teil des Retabels etwas erhöht, einzelne Figuren ergänzt oder umgesetzt.
Nachdem das Retabel den Zweiten Weltkrieg in Köln zum Glück ohne größere Schäden überstanden hatte, konnte es 1955 durch die Bürvenicher Gemeinde zurückgekauft werden, auch mit Unterstützung des Erzbistums Köln. Die Geschichte dieses spätmittelalterlichen Kunstwerks war demnach noch in jüngerer Zeit wechselvoller als man meinen könnte, wenn man es heute im Chor der ehemaligen Klosterkirche bewundert.