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Miniaturarchitektur – Der Taufstein der Kirche Sieben Schmerzen Mariens in Niederkassel-Uckendorf

Niederkassel-Uckendorf, Sieben Schmerzen Mariens, Taufstein, Gesamtansicht
Datum:
1. Okt. 2026
Von:
Carsten Schmalstieg
Objekt des Monats - Oktober 2026

Rheinland, zwischen 1907 und 1909

 

 

Becken aus französischem Kalkstein (Savonnières), Säulchen aus Marmor, Platte aus belgischem Granit, Schale zur Aufnahme des Taufwassers aus Kupfer, Deckel aus Messing und Kupfer.
Höhe Becken: 107,5 cm; Höhe Deckel: 105 cm

In der mittelalterlichen rheinischen Architektur finden sich zahlreich Beispiele für Kirchen mit achtseitigen (oktogonalen) Grundrissen und Kuppeln, von denen hier nur der Aachener Dom und St. Quirinus in Neuss genannt seien. Achteckige Formen erfreuten sich in der Kunst des Historismus im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert erneut großer Beliebtheit und wurden bei Gebäuden, aber auch in der Schatzkunst und bei der Gestaltung von Kirchenausstattung gerne aufgenommen und neu interpretiert. Der aus der Bauzeit der heutigen Uckendorfer Kirche stammenden Taufstein mit seinem Kuppeldeckel greift Formen der Gotik auf und ist detailreich gestaltet. Sowohl das Becken, als auch der Deckel sind achtseitig. Der Schaft über dem profilierten Fuß des Beckens wird eingefasst von einer Spitzbogenarkade mit einbeschriebenem Maßwerk. Diese ruht auf acht schlanken, rötlichen Marmorsäulchen mit durchbrochen gearbeiteten Kapitellen. Unterhalb des profilierten Randes umzieht ein plastisch gearbeiteter Rankenfries das Becken; oberhalb des Randes liegt eine schwarze Granitplatte als Abdeckung auf. 

Der Deckel ist eine Kirchenkuppel im Kleinen und versehen mit acht Maßwerkgiebeln, die mit Krabben- und Kreuzblumen besetzt sind. Die Giebelfassaden schmücken Blendfenster. Jeweils in den Bogenfeldern der mittleren Fenster befinden sich liegende Dreipässe. Eine der Giebelfassaden lässt sich entfernen, so dass man – auch ohne den schweren Deckel abheben zu müssen – einen Blick ins Innere werfen kann. Dort erkennt man in der schwarzen Platte eine halbkugelförmige Vertiefung, in die eine Schale eingelassen ist, die das Taufwasser aufnimmt. Des Weiteren ist der Deckel verziert mit Fialtürmchen, einem gravierten Dachziegeldekor und einer Laterne mit seitlichen Blendfenstern, die nach dem Muster der mittleren Fenster der Maßwerkgiebel gearbeitet sind. Die Laterne krönt ein von Blättern unterfangener Kugelknauf, der ehedem ein Kreuz getragen haben dürfte. 

Der Schöpfer des Taufsteins in Sieben Schmerzen Mariens ist zwar nicht bekannt, es gibt aber in der Nähe Uckendorfs ein verwandtes Objekt, das man zu einem Vergleich heranziehen kann. So zeigt das zwischen 1902 und 1904 entstandene, wesentlich aufwendiger gestaltete Taufbecken in St. Agnes in Köln zahlreiche formale Übereinstimmungen mit dem Uckendorfer Becken und mag als Vorbild gedient haben. Der Gesamtentwurf stammte hier von dem Architekten Joseph Prill (1852-1935); A. Muschard führte die Bronzereliefs aus, die auf Entwürfe des Bildhauers Nikolaus Steinbach (1854-1936) zurückgehen. Die Arbeiten am Deckel schuf der Kölner Goldschmied Leo Moldrickx. 

Der neugotische Taufstein in Uckendorf hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Er überstand die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und die oft rigorose Neuerungswut der Nachkriegszeit, in der man den Bauten und Objekten des Historismus oft ihren Kunstwert absprach. Ein drittes Mal schlug das Schicksal dann in der Nacht vom 12. auf den 13. April 1992 zu: Durch das Erdbeben von Roermond wurde das Becken stark beschädigt. Unter anderem brachen einige der Säulchen in Höhe der Basen, bzw. der Kapitelle, die schwarze Abdeckplatte brach längs, und der gesamte Taufstein neigte sich leicht zur Seite. Noch im selben Jahr wurde das Becken durch den Euskirchener Steinrestaurator Martin Grabowski wieder in Stand gesetzt. Diese Maßnahme war beispielhaft für eine im späten 20. Jh. einsetzende neue Wertschätzung des Historismus, die hoffentlich fortdauern wird. 

Literatur/Quellen

Ausstattungsakte im Erzbischöflichen Generalvikariat Köln.

Eickhoff, Beate: St. Agnes in Köln. Ein Viertel und seine Kirche, Köln 2001, S. 131 und 134.

Groß, Linda: St. Agnes in Köln (= Rheinische Kunststätten, Heft 344, 1989), S. 11f.