Heimatgemeinde: St. Suitbertus in Remscheid
Einsatzgemeinde: Pastorale Einheit, Kölner Westen (Pfarreien Sankt Nikolaus und Sankt Bruno, St. Stephan, Sankt Pankratius, Sankt Franziskus)
Wie sah Ihr Weg in die Seelsorge aus und wann haben Sie gespürt: Das ist meine Berufung?
Der Weg, eine Berufung zu entdecken und zu erspüren, ist oft nicht geradlinig. So war es auch bei mir.
Schon früh entdeckten meine Lehrerinnen und Lehrer an der weiterführenden Schule, dass ich ein besonderes Interesse und Gespür für gesellschaftliche Phänomene und insbesondere für die Lebensrealitäten von Menschen mit Behinderung habe. Als Kind mit einer körperlichen Behinderung lernte ich früh, dass Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, es in unserer Gesellschaft nicht immer einfach haben.
Meine Familie gehört nicht zu den regelmäßigen Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern und war auch nicht besonders engagiert in der Gemeinde. Dennoch begleitete mich der Glaube von klein auf. Gerade im Hadern mit meiner Behinderung und den damit verbundenen Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung wurde der Glaube für mich zu einem Deutungsangebot und zu einer Möglichkeit, nach Sinn zu fragen.
Ein einschneidendes Erlebnis war für mich der Empfang des Sakraments der Firmung. Dort durfte ich erfahren, dass in den Menschen, die mich auf diesem Weg begleitet haben, der Geist Gottes wirkt. Sie haben mich als Person mit vielen Fähigkeiten gesehen, wertgeschätzt und mir etwas zugetraut. Diese Erfahrung hat mich nachhaltig geprägt. Gleichzeitig ermutigte mich die Firmung, mich kritisch mit meinem eigenen Leben und meinem Glauben auseinanderzusetzen.
So begann ich, mich zunehmend ehrenamtlich in der Kirche zu engagieren. Mit diesem Engagement wuchs auch der Wunsch, Gemeindereferentin zu werden. Heute kann ich sagen: Aus diesem Wunsch ist für mich eine Berufung geworden.
Was bedeutet der Dienst für Sie persönlich?
Mein Dienst bedeutet für mich persönlich, dass ich Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen begleiten und ihnen dienen darf, von jungen Menschen bis hin zu älteren Menschen.
Dieser Menschendienst ist für mich zugleich eine Form von Gottesdienst, insbesondere im diakonischen und verkündenden Sinne. Ausgehend von der Ebenbildlichkeit jedes Menschen glaube ich, dass mir in jedem Menschen auch ein Stück von Gott begegnen kann.
Mit Menschen jeden Alters über den Glauben ins Gespräch zu kommen oder Räume zu eröffnen, in denen solche Gespräche möglich werden, ist mir ein großes Anliegen und zugleich persönlich inspirierend. Deshalb ist es mir auch wichtig, immer wieder aus den kirchlichen Räumen hinauszugehen und den Menschen dort zu begegnen, wo sie leben und ihren Alltag gestalten.
Welche biblische Person hat Sie auf Ihrem Weg besonders inspiriert – und warum?
Die Bibel ist für mich ein wunderbares Buch voller Menschen, deren Geschichten bis heute inspirieren können. Sie erzählen von Menschen mit ihren Hoffnungen, Fragen, Zweifeln und Leiderfahrungen und davon, wie sie ihr Leben mit Gott gestalten.
Besonders begleitet mich seit meinem Studium die Begegnung Jesu mit dem blinden Bettler Bartimäus.
Jesus fragt ihn: „Was willst du, dass ich dir tue?“, obwohl sein Wunsch nach Heilung zunächst offensichtlich erscheint. Gerade darin liegt für mich etwas Entscheidendes: Jesus begegnet Bartimäus auf Augenhöhe und überlässt ihm selbst die Entscheidung darüber, was er möchte und braucht. Er nimmt ihm nicht die Verantwortung für sein eigenes Leben ab, sondern respektiert seine Autonomie.
Diese Haltung Jesu ist für mich ein großes Vorbild für die Begleitung von Menschen, die mir anvertraut sind. Ich möchte Menschen nicht vorschnell sagen, was sie brauchen oder was für sie richtig ist. Vielmehr möchte ich ihnen zuhören, ihre Wünsche und Bedürfnisse ernst nehmen und ihnen zutrauen, ihr eigenes Leben selbstbestimmt zu gestalten.
Gerade als Mensch mit einer Behinderung ist mir diese Form der Begegnung besonders wichtig. Ich wünsche mir eine Kirche und eine Gesellschaft, in der Menschen nicht zuerst auf ihre Einschränkungen oder das, was sie vermeintlich von der Norm unterscheidet, reduziert werden, sondern als selbstbestimmte Menschen mit ihren eigenen Fähigkeiten, Wünschen und Hoffnungen wahrgenommen werden.