Benedikt Kremp, Leiter der EFL-Beratung in Euskirchen, schildert die Situation rund fünf Monate nach der Flut

8. Dezember 2021 Newsdesk/das
Benedikt Kremp, Leiter der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle Euskirchen

Als Helfer steht Benedikt Kremp, Leiter der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle Euskirchen, an der Seite der Betroffenen der Flutkatastrophe und unterstützt sie dabei, die schwierige Situation zu bewältigen. Im Interview schildert er seine die Situation rund fünf Monate nach der Flut.

Wie ist die Situation vor Ort – gerade auch derzeit im Advent?

Kremp: Für viele Betroffene der Flut hat sich eine „Normalität im Unnormalen“ entwickelt. Man hat gelernt, mit der neuen Situation zu leben. Ein großer Teil der Betroffenen ist noch stark beschäftigt und belastet von Baumaßnahmen, die sich oft viel länger hinziehen als anfangs gedacht und erhofft.

Die psychischen Folgen der Katastrophe werden von vielen Betroffenen im Moment hingenommen und ertragen, in der Hoffnung, dass es nach und nach „von allein“ besser wird. Man hofft, dass man irgendwann wieder besser schlafen kann und die schlimmen Erinnerungen verblassen.

Natürlich beschäftigt viele Betroffene die Frage, wie sie das erste Weihnachtsfest nach der Flut gestalten können und wie sich das Fest anfühlen wird.

Womit sind Sie in ihrer Tätigkeit als Helfer aktuell beschäftigt?

Kremp: Nachdem wir anfangs viel „rausgefahren“ sind, um niederschwellige psychologische Beratung zu ermöglichen, kommen Betroffene der Flut nun zunehmend zu uns in die Beratungsstelle. Es zeigt sich, dass Beratungsgespräche eine große Hilfe sein können, um mit den psychischen Folgen der Flutkatastrophe besser zurecht zu kommen. In den meisten Beratungsverläufen stellt sich bereits nach wenigen Beratungskontakten eine deutliche Verbesserung ein.

In den Gesprächen geht es u.a. darum, die eigenen Belastungsreaktionen besser verstehen und einordnen zu können. Auch werden häufig einfache Techniken vermittelt, um Anspannung abzubauen. Nicht selten werden Menschen durch das Flutereignis stark an belastende Situationen ihrer Lebensgeschichte erinnert. Auch hier können Beratungsgespräche entlasten.

Welche besonderen Aktionen oder Engagements sind für die Advents- und Weihnachtszeit geplant?

Kremp: Wir nehmen wahr, dass an vielen Orten im Flutgebiet Advents- und Weihnachtsaktionen organisiert werden, um bewusst einen hoffnungsvollen Akzent zu setzen – ich denke z.B. an den lebendigen Adventskalender in Euskirchen, den kleinen Weihnachtsmarkt in Bad Münstereifel und die vielfältigen Benefizaktionen.

In der Beratungspraxis geht es darum, dass Betroffene genügend innere Stabilität entwickeln können, um durch die Weihnachtszeit zu kommen. Das Weihnachtsfest wird vielen Menschen schmerzlich bewusst machen, was sie verloren haben.

Als Beratende geht unser Zeithorizont deutlich weiter. Es gehört zur psychologischen Dynamik solcher Katastrophen, dass die psychischen Folgen bei vielen Menschen erst später bewusst und spürbar werden. Wichtig ist, dass Betroffene wissen: „Zähne zusammenbeißen und weitermachen ist keine gute Strategie. Mit fachgerechter Hilfe können die Belastungen wesentlich besser verarbeitet werden. Stark ist, wer sich die passende Hilfe sucht.“