Stabilität für Geflüchtete schaffen und Ehrenamt koordinieren

27. April 2022 Newsdesk/ke
Geflüchtete Familie aus der Ukraine (Symbolbild)

Seit zwei Monaten herrscht Krieg in der Ukraine. Hunderttausende Menschen sind geflohen. Mittlerweile haben knapp 3.800 von ihnen im Kreis Mettmann eine neue Bleibe gefunden. 

"Wir erleben ein hohes Bedürfnis nach Stabilisierung der Situation", sagen Ursula Hacket und Susanne Schad-Curtis. Sie sind Integrationsbeauftragte der Aktion Neue Nachbarn und kümmern sich als Ehrenamtskoordinatorinnen im Kreis Mettmann um die Flüchtlingshilfe.

Im Interview berichten beide, welche Hilfe die Geflüchteten im Kreis Mettmann erfahren und von ihren täglichen Herausforderungen. Eine große Hilfe ist die Website der Aktion Neue Nachbarn mit Informationen und Hilfsangeboten für Geflüchtete – übersetzt ins Ukrainische.

Susanne Schad-Curtis

Wie geht es den Menschen, die bei Ihnen ankommen? Was benötigen sie am dringendsten und wie sieht die erste Hilfe bei Ankunft aus?

Ursula Hacket und Susanne Schad-Curtis: In unserem Kreis mit seinen zehn mittelgroßen und kleinen Städten sind viele Menschen bei Familie, Freunden oder privaten Gastgebern untergekommen. Andere wiederum haben über die Kommunen vermittelt Unterkunft in Gemeinschaftsunterkünften gefunden. Somit ist die ehrenamtliche Hilfe hier vor Ort anders organisiert als die Hilfe in den Metropolen, wo es zentrale Ankommensorte wie die Hauptbahnhöfe gibt. 

Die geflüchteten Menschen sind in einem Ausnahmezustand, sie haben oft selbst Schreckliches erlebt und machen sich große Sorgen um ihre Familien in der Ukraine. Viele möchten lieber heute als morgen wieder zurück. Das bewirkt, dass sie hin und hergerissen sind zwischen dem Bedürfnis, eine sichere, längerfristige Bleibeperspektive zu schaffen und der erhofften schnellen Rückkehr ins alte Leben.

Darüber hinaus führt die Unterbringung in beengten Gemeinschaftsunterkünften oder als Gast in Privatwohnungen zu weiteren Belastungen. Wir müssen uns immer wieder fragen, was die Menschen wirklich brauchen. Das Bedürfnis der Geflüchteten ist geprägt durch viele Ambivalenzen. Wir erleben ein hohes Bedürfnis nach Stabilisierung der Situation, d.h. die deutsche Sprache zu erlernen, Wohnung und Arbeit zu finden sowie den Schulbesuch für die Kinder zu ermöglichen.

Eine Herausforderung bei der Hilfe und Betreuung ist wahrscheinlich die Sprachbarriere. Wie kommunizieren Sie mit den Geflüchteten?

Hacket und Schad-Curtis: Die Sprachbarriere ist tatsächlich eine große Herausforderung. 

Nicht alle UkrainerInnen sprechen englisch. Die Kommunikation mit rein russisch oder ukrainisch sprechenden Menschen ist mit Händen und Füßen, Übersetzungs-Apps und natürlich auch Dank ehrenamtlicher MuttersprachlerInnen möglich. Darüber hinaus können wir auf die Unterstützung des Integrations- und Sprachlotsendienstes des Caritasverbands bauen. 

Neben Sach- und Geldspenden für die Menschen in und aus der Ukraine und einer ersten Unterbringung vor Ort, ist auch die Betreuung, Unterstützung und Integration der Geflüchteten in ihrer neuen Umgebung wichtig. Welche Angebote gibt es im Kreis Mettmann?

Hacket und Schad-Curtis: Professionelle Hilfe leisten u.a. die Beratungsstellen der Caritas bei z.B. notwendigen Anträgen, der Wohnungssuche und Fragen im Umgang mit Ämtern, aber auch zur Orientierung bei der Bewältigung der schwierigen Lebenssituation

Die Ehrenamtlichen des Caritasverbandes und der Kooperationspartner engagieren sich in verschiedensten Bereichen. So helfen sie auch bei kurzfristigen Bedarfen, wie z.B. beim Bettenaufbau in neu zu schaffenden Unterkünften der Städte oder beim Formulare ausfüllen. Längerfristige Angebote finden sich u.a. in der Sprachvermittlung, dem Aufbau allgemeiner Anlaufstelle, der Aufarbeitung von Informationen, der Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten und Kinderfreizeitangeboten. Aber auch die Vermittlung in Sportvereine und andere Möglichkeiten der Freizeitgestaltung wird durch ehrenamtliche UnterstützerInnen geleistet.

Ursula Hacket

Auf der Website der Aktion Neue Nachbarn finden ehrenamtlich Helfende und Geflüchtete Informationen und Angebote für Ratingen auf Deutsch und Ukrainisch. Wie wichtig ist die Website für die Koordination der Flüchtlingshilfe vor Ort?

Hacket: Unter der Rubrik Aktuelles/Ukraine stellen wir auf unserer Regionalen Seite der Aktion Neue Nachbarn allgemeine und für den Kreis Mettmann relevante Informationen ein.

Speziell für die Stadt Ratingen habe ich eine Unterseite mit Angeboten für Geflüchtete und Ehrenamtliche in Ratingen angelegt. 

Um die vielen Menschen zu informieren, die sich an uns wenden ist die Seite sehr wichtig. Wir aktualisieren fast täglich und werden auch von Kooperationspartnern mit Informationen versorgt. Wir haben ja schon angefangen die Seiten zu übersetzen, damit sie auch den ukrainischen Geflüchteten als Informationsquelle dienen kann. 

Über Presse, Soziale Medien und über die Ehrenamtlichen als MultiplikatorInnen versuchen wir die Website zunehmend bekannter zu machen. 

Sie sind seit 2015 Ehrenamtskoordinatorinnen bei der Caritas. Wie ist aktuell die Resonanz auf die Flüchtlingshilfe im Kreis Mettmann? Und worauf sollte ich achten oder was sollte ich mitbringen, wenn ich mich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren möchte?

Hacket und Schad-Curtis: Die Hilfsbereitschaft ist aktuell sehr hoch. Für uns als Koordinatorinnen gilt es, diese spontane Hilfsbereitschaft zu bündeln, zu organisieren und bedarfsgerecht und nachhaltig in Angebote zu bringen. 

Es ist von Vorteil, dass es bereits seit langem verschiedene Angebote und Initiativen in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe gibt. Es muss nicht alles neu aufgebaut werden. An vielen Stellen geht es einfach darum, Angebote, die sich in der Coronazeit ausgedünnt haben, wieder zu beleben und die Neuankommenden in bestehende Angebote zu integrieren. 

Wer sich engagieren will, sollte Offenheit, Teamfähigkeit, ein bisschen Zeit, Kreativität und vor allem Freude am Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen mitbringen. Viele Angebote werden in Teams organisiert. Das entlastet und verteilt die Verantwortung auf verschiedene Schultern und sorgt so auch für die Stabilität der Angebote.

Die Aktion Neue Nachbarn wurde vor 7 Jahren ins Leben gerufen. Können Sie auf bestehende Netzwerke zurückgreifen und haben sich in der aktuellen Situation auch neue Kooperationen ergeben?

Hacket und Schad-Curtis: Die Netzwerke und die Kooperationen der letzten sieben Jahre funktionieren weiterhin gut. Absprachen sind dadurch unkomplizierter, Arbeitsteilung ist möglich und man weiß, dass man auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet. Viele Aufgaben, die in 2015 und den folgenden Jahren noch Klärungsbedarf hatten, können jetzt deutlich schneller und unkomplizierter gelöst werden.

Selbstverständlich kommen immer auch neue Kooperationspartner hinzu, gerade auch ukrainisch geprägte Vereine bringen sich stark ein.

Ursula Hacket (54) aus Düsseldorf und Susanne Schad-Curtis (53) aus dem Kreis Mettmann sind seit 2015 in der Aktion Neue Nachbarn im Fachdienst für Integration und Migration beim Caritasverband für den Kreis Mettmann tätig.

Ihre Aufgaben liegen in der Koordination und Begleitung ehrenamtlicher Integrations- und Flüchtlingshilfe, Vernetzung mit diversen Kooperationspartnern, Informationsweitergabe und Anlaufstelle rund um Integration- und Migration. Zudem sind sie zuständig für Planung und Organisation von Veranstaltungen, Qualifizierungsmaßnahmen für Ehrenamtliche und Interessierte sowie Planung und Durchführung von Begegnungsangeboten in Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern.

Materialien zum Gebet für den Frieden

Eine Sammlung von Gebeten, Fürbitten und Friedensandachten sowie einen Link zu Messtexten und Lesungen auf Ukrainisch finden Sie unter: