Drei Fragen an... Thomas Höfling:Sprech- und Gesangstraining für Theologen

Warum ist Sprechtraining fester Bestandteil des Theologiestudiums?
Da ein wesentlicher Teil der Arbeit geweihter, wie auch nicht geweihter Theologinnen und Theologen in der Verkündigung des Wortes Gottes besteht, ist eine gute Verständlichkeit der vorgetragenen Texte wichtig für deren Wirksamkeit. Vor allem in Räumen mit großer Akustik, wie es Kirchen naturgemäß oftmals sind, können beispielsweise Lesungstexte nur durch die bewusste Anwendung wichtiger sprechtechnischer Parameter so vermittelt werden, dass sie akustisch und inhaltlich bei der Gemeinde ankommen.
Einige dieser Parameter sind:
Brustresonanz; das geflügelte Wort "Brustton der Überzeugung" meint genau dieses Phänomen, mittels dessen eine Botschaft glaubwürdig vermittelt werden kann.
Sprechmelodie; ein Textvortrag wird umso lebendiger, je mehr sich der Klangbereich der Stimme der Nutzung von Höhen und Tiefen bedient.
Artikulation; die Verständlichkeit besonders der deutschen Sprache ist sehr von der Hörbarkeit der Wortendkonsonanten abhängig. In einem Ausdruck wie "mit Rat und Tat" kann der zweite Teil leicht zur "Untat" werden, wenn der Abschluss des Wortes "und" nicht klar hörbar artikuliert wird.
Sinntragende Betonung; Jesus wird seine Jünger in Matthäus 16,15 kaum gefragt haben: "Ihr aber, für wen hal-tet ihr mich", denn sinnvoll ist allein: "Ihr aber, für wen haltet ihr mich". Und in der neunten Karfreitagsfürbitte bitten wir für die Re-gier-en-den, nicht für die Re-gie-ren-den.
Wie sieht ein typisches Sprechtraining aus?
Bei mir wird der Stimmapparat zunächst mit einem Einsingen aktiviert, damit die Stimme nicht durch einen "Kaltstart" überbeansprucht wird. Auch wird dadurch die gesamte Körperresonanz angeregt. Anschließend wird der vorzubereitende Text im Hinblick auf die beschriebenen Parameter hin untersucht: Wo also muss am Satzende die Stimme gesenkt werden, wo sollte sie bewusst oben bleiben; wo kommt es zu Doppelkonsonanzen wie "und / Tat", "und / dieser" und wo drohen wichtige Wortendungen unterzugehen, wenn sie nicht bewusst umgesetzt werden, z.B. bei "Der Herr sei mit euch".
Spannende Diskussionen gibt es häufig über sinntragende Hauptbetonungen, für deren korrekte Setzung es Regeln gibt, die aber selbst den meisten Deutsch sprechenden Kandidaten oft nicht bekannt sind.
Unterrichten Sie auch angehende Priester, die nicht deutsche Muttersprachler sind? Worin besteht dabei die Herausforderung?
Die besondere Herausforderung beim Unterricht mit Kandidaten, für die Deutsch nicht Muttersprache ist, besteht im Umgang mit liturgischen Texten vor allem im Auffinden der sinntragenden Betonungen. Das ist gerade auch dann von grundlegender Bedeutung, wenn es um die Kantillation, also den gesungenen Vortrag dieser Texte geht. Denn die Positionen der musikalischen Formeln, nach denen z.B. ein Tagesgebet oder ein Evangelium für den gesungenen Vortrag eingerichtet wird, richten sich nach nichts anderem als nach den sinntragenden Betonungen.
Fazit: Nur wo das gesprochene oder gesungene Wort klar, verständlich und glaubwürdig erklingt, kann es seinen Auftrag erfüllen: Menschen die frohe Botschaft nahezubringen.
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