Eine Geschichte über Loslassen und Ankommen:Neu anfangen mit 90: Der Umzug ins Seniorenheim


"Das Dunkle muss weg. Nur das Helle bleibt." Konzentriert schält Elisabeth Reiferscheid den Apfel, den sie gerade erst beherzt durchgeschnitten hat. Die 90-jährige Kölnerin ist fast blind - Hell und Dunkel kann sie unterscheiden und Umrisse erkennen.
Von ihrem täglichen Apfel hält sie das nicht ab. Zum Schälen hat sie ihr "gutes Küchenmesser", das ihr schon seit Jahrzehnten nützliche Dienste leistet, mit ins Kardinal-Frings-Haus genommen, das Altenzentrum der Caritas in Köln-Ehrenfeld.
Extrem schnelle Entscheidung

Sonst ist kaum etwas mitgezogen. Damals im Juni vor sechs Jahren, im Coronajahr 2020. Nur drei Tage lagen zwischen der Entscheidung, die 130-Quadratmeter-Eigentumswohnung in Weiden zu verlassen, und dem Einzug in ein gut 20 Quadratmeter großes Zimmer mit Bad in einer Hausgemeinschaft des Kardinal-Frings-Hauses.
"Mein Mann war dement und im Krankenhaus wurde mir gesagt, dass er nicht mehr mit nach Hause kann", erinnert sich die Seniorin. Für sie steht damals fest: Sie lässt ihren Ehemann, den sie bereits jahrelang gepflegt hat, nicht allein ins Heim ziehen.
Die beiden Töchter telefonieren alle Stellen ab, setzen alles in Bewegung. Drei freie Zimmer gibt es durch Zufall in Ehrenfeld. "Ich habe mich für ein Zimmer auf einem anderen Flur als mein Mann entschieden", sagt Elisabeth Reiferscheid.
Endlich wieder durchatmen

Vieles ändert sich mit dem Umzug: Nach Jahren, in denen sie ihren Mann intensiv betreut hat, kann Elisabeth Reiferscheid nun die Nächte wieder durchschlafen. Sie besucht ihn regelmäßig mehrere Stunden am Tag.
Beim Essen in ihrer eigenen Hausgemeinschaft knüpft sie neue Kontakte, sie engagiert sich im Heimbeirat, genießt die Konzerte für die Bewohner und besucht die wöchentlichen Gottesdienste.
"Ich habe mir das Umfeld hier erarbeitet, sodass ich mich gut bewegen kann", stellt sie rückblickend fest. Sie hat sich mit dem arrangiert, was sie kann. Zur Unterhaltung hört sie, früher passionierte Leserin, nun mit Begeisterung Hörbücher.
Und sie schätzt es, dass sie sich im Heim umsorgt und sicher fühlt. Die Töchter kommen an festen Tagen zu Besuch, mit der Enkelin telefoniert sie fast täglich.
Innere Ruhe durch Beten

An Ostern 2022 starb ihr Mann im Heim. Elisabeth Reiferscheid und die Familie konnten sich in Ruhe in seinem Zimmer verabschieden. Die 90-Jährige berichtet davon mit klarer Stimme. Dass der Tod nicht das Ende ist, ist für sie unumstößliche Tatsache. Ihr Glaube ist fest verankert.
Täglich um 4.45 Uhr steht sie auf, um 6 Uhr verfolgt sie die Übertragung der Messe aus Altötting.
"Ich bete viel. Das Gebet gibt mir innere Ruhe und macht mich friedfertiger", begründet sie ihre Routine.
Friedfertigkeit ist nicht unbedingt eine Grundtugend der 90-Jährigen. "Ich äußere auch Kritik und sage, was ich denke." Deshalb wollte sie auch im Heimbeirat "Einfluss haben".
Wenige Gegenstände mitgenommen
Keinen Einfluss dagegen wollte sie beim Umzug. „Die Kinder haben die Wohnung entsorgt und die Dinge weggeben. Ich wollte nicht noch mal zurück."
Wichtig waren ihr nur ganz wenige Gegenstände. Einer davon ist das große Kreuz, das über ihrem Bett hängt. "Ich wollte ein Leben lang ein Kreuz neben dem Bett, ohne käme ich nicht klar. Das Kreuz ist ein Geschenk, das ich vor 40 oder 50 Jahren bekommen habe."
Außerdem zogen mit: ein großer geschliffener Spiegel aus dem Wohnzimmer, eine Stehlampe, einige Fotos, Fernseher, Ledersessel und zwei Tischchen. Der Rest wurde entrümpelt.
Einmal noch fuhr sie in die Wohnung, holte den Schmuck aus dem Safe und verteilte ihn an die beiden Töchter und die Enkelin. "Ich wollte einen harten Schnitt. Ich habe das als Zeichen gesehen, mich von den Dingen zu trennen."
Abschiede als Teil des Lebens

Elisabeth Reiferscheid trauert ihnen nicht nach. Als Kriegskind in Köln hat sie erlebt, dass "alles plötzlich weg" sein kann.
"Die Eltern kamen mit uns aus dem Bunker und das Haus war verschwunden." Sie stellt das schlicht fest. Ohne Sentimentalität. Das Leben bedeutet Veränderung. Und auch "harte Schnitte".
Und doch geht es weiter. "Als ich unten reinging hier ins Heim habe ich gedacht: Das ist ja nun unser Sterbehaus", spricht sie einen Gedanken aus ihrer Erinnerung an den 3. Juni 2020 aus. Kurz hält sie inne. Dann resümiert sie mit einem leisen Lächeln: "Man muss aber nicht gleich sterben, wenn man hier einzieht. Das Leben geht hier weiter."
Wie der Umzug gelingen kann
Dass der Umzug in eine Senioreneinrichtung kein leichter Schritt ist, verschweigt auch Kirsten Marek nicht. Sie hat mehr als vier Jahrzehnte Erfahrung in der Altenpflege und leitet das Kardinal-Frings-Haus. Sie weiß, dass sich Angehörige häufig mit der Pflege zu Hause überfordern und ein Umzug des Pflegebedürftigen eine sehr große Entlastung für die Betroffenen und die Beziehung zueinander sein kann.
Tipps für den Neustart:
Persönliches mitnehmen, das Zimmer individuell gestalten
„Bewohnerinnen und Bewohner fühlen sich eher zu Hause, wenn sie Liebgewonnenes dabeihaben“, sagt Kirsten Marek.
Wenn möglich, den Einzug selbstständig entscheiden
Je früher und je offener in einer Familie gesprochen, geplant und entschieden wird, desto besser. Optimal ist es, wenn sich Senioren aktiv entscheiden.
Die Wahrheit sagen
Immer mal wieder stellt Kirsten Marek fest, dass Angehörige aus Angst vor einem Konflikt den Umzug in ein Heim beschönigen. „Sie sprechen von einer Kur oder einem vorrübergehenden Aufenthalt. Das macht es der Bewohnerin oder dem Bewohner unmöglich, sich auf die neue Umgebung einzulassen“, sagt die Heimleiterin.