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Ehespiritualität im Alltag: Liebes-Spül, Schwarzbrot und Groß-Mut

Wider die Vergötzung der Ekstase

Ich habe etwas dagegen, die Liebe und die Qualität einer Beziehung allein an ihrer Ekstase zu messen. Der Zeitgeist befiehlt mir: sei jederzeit auf der Spitze deiner eigenen Gefühle! Denn du bist nur, wo du dich fühlst. Du bist nur lebendig in deiner eigenen Unmittelbarkeit. Darum wolle sie und verfolge sie! Und so entsteht eine Erfülltheitssehnsucht, ein Unmittelbarkeitsdiktat, das die Langfristigkeit der Liebe verhindert. Liebe hat ihren Ort nicht nur in der Ekstase. Ich sage es besser so: Ekstase ist übersetzbar in Gewöhnlichkeit, Unscheinbarkeit und Alltag. Auch wenn zwei zusammen spülen, ist es ein Liebespiel - sozusagen ein Liebesspül. Auch wenn zwei sich abmühen, einander zu ertragen, ist es eine Lesart der Ekstase. Auch wenn einer für die andere kocht, ist das eine Übersetzung des Satzes aus dem Hohen Lied: Seine Wangen sind wie Balsambeete, in denen Gewürzkräuter wachsen. Die Liebe muß es lernen, die einfachen Dinge zu achten: das Essen, die Arbeit, die Tränen, die Bücher und - wie gesagt: das Spülen. Es gibt eine Ekstase, die nicht nur im erfüllten Augenblick besteht, sondern in der Köstlichkeit der langen Zeit und im Schwarzbrot des Alltags.


Wider die Ganzheitszwänge:

Es gibt ein Leiden, das durch überhöhte Erwartungen entsteht; die Erwartung, daß die eigene Ehe vollkommen sei; daß die Partnerin einen vollkommen erfülle; daß ich im Beruf völlig aufgehe; daß die Erziehung der Kinder vollkommen gelingt. So ist das Leben nicht! Die meisten Lieben gelingen halb; man ist meistens nur ein halb guter Vater, eine halb gute Lehrerin, ein halb glücklicher Mensch. Und das ist viel. Gegen den Totalitätsterror möchte ich die gelungene Halbheit loben. Die Süße und die Schönheit des Lebens liegt nicht im vollkommenen Gelingen und in der Ganzheit. Das Leben ist endlich, nicht nur in dem Sinn, daß wir sterben müssen. Die Endlichkeit liegt im Leben selber; im begrenzten Glück, im begrenzten Gelingen, in der begrenzten Ausgefülltheit. Die große Leidenschaft kann sich auch im halben Herzen verstecken. Ich vermute, daß die Ganzheitszwänge zusammenhängen mit dem Schwinden des Glaubens an Gott. Wer an Gott glaubt, braucht nicht Gott zu sein und Gott zu spielen. Wo dieser Glaube zerbricht, da ist dem Menschen die nicht zu tragende Last der Verantwortung für die eigene Ganzheit auferlegt. muß doch mehr als alles geben! Mehr als die Totalität, das sind die kleinen Schritte, das halbe Herz, wo das ganze nicht zu haben ist. Es ist nicht versprochen, daß sich Menschen einander den Himmel auf Erden bereiten. Aber man kann sich Brot sein, manchmal Schwarzbrot und manchmal Weißbrot. Man kann sich Wasser sein und gelegentlich Wein. Und die schwer zu glaubende Einsicht eines alten Mannes: Je älter man miteinander wird, um so mehr wird das Wasser zu Wein. Es gibt ein Alterseheglück und einen gegenseitigen Alterstrost, von dem man nur schwer sprechen kann. Philemon und Baucis gibt es.


Wider die Beziehungsknauserigkeit:

Es gibt Begriffe in der neuen Lebensformendebatte, die ich vom Geist der Kaufmannschaft geprägt finde. Ich kann mir nicht helfen, Herr Feddersen, dazu zähle ich das Wort und Selbsterfüllung. Da sitzen die kleinen Ehekerlchen und berechnen und zählen sich auf, was sie haben, was sie auszugeben bereit sind und was nicht. Da haben sie notiert, wie oft wer schon die Küche gemacht, eingekauft und das Bad sauber gemacht hat. Jeder sitzt auf seiner Ehepfründe und bewacht seine Rechte, und der Ehefrieden ist ein Tauschgeschäft. Die Berechnung als Grundlage einer Beziehung ist nicht nur zerstörerisch. Die Schönheit in dieser Haltung ist gestorben. Dagegen nenne ich ein altes Wort und eine alte Sache als Voraussetzung einer Liebe: die Großmut (merkwürdigerweise heißt es die Großmut, während es der Hochmut, der Mißmut und der Kleinmut heißt.) Wie schön ist die Großmut, die nicht aufzählt und die keine Angst hat, sich selber zu verlieren - immer vorausgesetzt, sie wird nicht einem Liebespartner zudiktiert. Die Alten hatten schöne Wörter für diese Großmut: Largitas - die Lebensbreite, magnanimitas - die geistige Weite. Der Geist der Buchhaltung macht die Großmut zu einer Asylantin in unserem Land.

 

Fulbert Steffensky

(Auszug aus einem Vortrag beim Katholikentag in Mainz)