Der Buß-/Schweigegang

Buß- und Schweigegang

Die Männerwallfahrt nach Kalk

Die Männerwallfahrt, heute auch genannt der Schweigegang, hat eine Tradition. Ihre Geschichte wird eindrucksvoll dargestellt in der Schrift von Gudrun Schmidt „Machtvolles Schweigen. Die Männerwallfahrt nach Kalk“. Auf sie kann ich mich in dem nachfolgenden Bericht neben meinen eigenen Erinnerungen stützen. 

Am Samstag vor dem Passionssonntag, zwei Wochen vor Ostern, kommen Kölner Männer zusammen, um von verschiedenen Kirchen im links- und rechtsrheinischen Köln aus schweigend zur Kalker Kapelle mit dem Gnadenbild der Schmerzhaften Mutter Gottes zu wallfahren, dort zu singen, zu beten und dann zurück zum Dom zu ziehen, wo die Wallfahrt mit einem festlichen Gottesdienst endet. 

Die erste Wallfahrt dieser Art, initiiert von vielen überzeugenden Priestern und Laien, vor allem von dem von den Nationalsozialisten später verfolgten und zeitweise im KZ festgehaltenen Jesuiten-Pater Josef Spieker, fand in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag 1931, also vor 90 Jahren, statt in einer turbulenten Zeit, geprägt von großer Armut, Hoffnungslosigkeit und politischen Wirren. Mit dem vorösterlichen Bußgang sollte die Gottesmutter um ihre Hilfe gebeten werden. 

Es waren 7.000 Männer, die an der ersten Bußwallfahrt teilnahmen, im nächsten Jahr waren es schon 18.000, unter ihnen Oberbürgermeister Konrad Adenauer. 

Nach 1933 war der Bußgang auch ein überwältigendes Zeugnis christlichen Glaubens in einer gottlosen Zeit. So erhielten beim Bußgang 1933 alle Teilnehmer einen Handzettel mit dem Gebetsaufruf: „Von Satans Reich befreie uns!“ Ein Pilger machte daraus: „Vom dritten Reich befreie uns!“ Er musste nicht befürchten, von einem anderen Teilnehmer angezeigt zu werden. 

Die Wallfahrt wurde von den Nationalsozialisten scharf beobachtet. Einmal fuhr der Kölner Gauleiter Grohé im offenen Mercedes an den Achterreihen der Männer vorbei, mit tiefernstem Gesicht und offensichtlich beeindruckt von dem stummen Protest der Kölner Männer. Dieser Eindruck hinderte jedoch nicht Repressalien. So wurden Pfadfinder aus dem Zug herausgeholt, die nicht gewusst hatten, dass bei solchen Anlässen keine Uniform getragen wurde. Darüber kann noch heute Ludwig Sebus, den Kölnern als Komponist und Texter vor allem im Karneval ein Begriff, berichten. Er hatte seine Pfadfinderuniform unter dem Messgewand anbehalten und wurde deshalb von der Polizei festgenommen. 

In den 30er Jahren wuchs die Zahl der Teilnehmer immer stärker an. Im Jahr 1935 waren es rund 35.000, wie in der Chronik von St. Marien festgehalten ist. Für die Zeit danach werden noch höhere Zahlen genannt. Später durften diese nicht mehr bekannt gemacht werden. 

1940, nach Kriegsbeginn, bot sich den Nationalsozialisten die Gelegenheit, die Wallfahrt „aus Gründen der Luftgefährdung“ zu verbieten. Entgegen dem Verbot beteiligten sich Tausende Männer im Zeitraum von einer Woche an „stillen Bußwallfahrten“ und trugen sich in der Gnadenkapelle in ein Pilgerbuch ein. 

Am 18.08.1941 wurde die Kalker Kapelle von einer Bombe getroffen und in Schutt und Asche gelegt. Unter den Trümmern fand man das Gnadenbild der Gottesmutter unversehrt. Die Kunde davon breitete sich wie ein Lauffeuer aus mit dem Erfolg, dass sich viele Pilger nach Kalk begaben, um das Wunder aus der Nähe zu betrachten, sehr zum Ärger der NSDAP. 

Nach dem Krieg machten sich am Freitag, dem 01.04.1947, wieder einige tausend Pilger auf den Weg. Der Impuls ging von den Männern aus, die den Bußgang einmal mit Pater Josef Spieker ins Leben gerufen hatten. „Allen war es ein inneres Bedürfnis, nach den schweren Jahren des Krieges, der Not und der Entbehrungen Dank zu sagen, dass sie überlebt hatten“ (Gudrun Schmidt S. 38/39). Bis Kalk konnte man aber noch nicht gehen. Das war erst 1949, nach Reparatur der Deutzer Brücke möglich, als 13.000 Männer den Weg nach Kalk fanden. 

In der Folgezeit ging die Zahl der Bußgänger ständig zurück. In Pfarrerkreisen wurde sie als „unzeitgemäß“ angesehen und deshalb im Jahr 1969 nicht mehr durchgeführt. Das stieß auf den energischen Protest der Laien, die sich durchsetzen konnten. Ab 1970 fand die Wallfahrt wieder in der gewohnten Form mit einer anschließenden Eucharistiefeier im Dom und nicht mehr in den einzelnen Kirchen statt. 

1980 wurde aus dem „Bußgang“ der „Schweigegang“. Dazu trug wesentlich der damalige Stadtdechant Prälat Dr. Johannes Westhoff, Pfarrer von St. Marien in Köln-Kalk, bei, der meinte (Gudrun Schmidt S. 51) „in einer Großstadt, die so viel Unruhe und Lärm ausstrahlt, wirke gerade dieses Schweigen der Männer außerordentlich mediativ. ‚Die Gemeinschaft, die da durch die Nacht zieht, geht nach Innen‘“.

Als 2004 die Zahl der Teilnehmer auf einige Hundert zurückgegangen war, ergriffen Stadtdechant Prälat Johannes Basgen zusammen mit den Organisatoren der Wallfahrt die Initiative. Auf vielfältige Weise der Werbung in den Organisationen und durch mit privaten Spenden finanzierte Zeitungsanzeigen wurde so erfolgreich auf die Männerwallfahrt aufmerksam gemacht, dass es im Jahr 2005 wieder mehr als tausend Männer waren, die sich auf den Weg nach Kalk machten. 

Im vorigen Jahr konnte und in diesem kann die Männerwallfahrt aus den bekannten Gründen nicht stattfinden. So Gott will, werden im nächsten Jahr die Kölner Männer wieder zur Kapelle nach Kalk pilgern und der Gottesmutter für ihren Beistand in schwerer Zeit danken können. 


Heribert Johlen

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