Auszug aus der Biographie von Kardinal Höffner

20. Februar 2019 Newsdesk/Je, Schöningh-Verlag

Auszug aus:
Norbert Trippen: Joseph Kardinal Höffner, Band 2, Schöningh-Verlag, 2012, S. 496ff.

Die Online-Veröffentlichung geschieht mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

Einen umfangreichen Abschnitt widmete Weihbischof Melzer am 20. Januar 2007 dem Verhältnis Höffners zu seiner Familie. Melzers Darstellung kann im Folgenden ergänzt werden durch eine Schilderung, die drei Nichten Höffners dem Verfasser [Anm.: Norbert Trippen] am 29. Januar 2012 zur Verfügung stellten.

Melzer sagte am 20. Januar 2007: „Welche Rolle die Familie für Kardinal Höffner Zeit seines Lebens bedeutete, erschließt sich wahrscheinlich nur dann, wenn man nicht vergisst, dass Höffner erst neun Jahre alt war, als seine geliebte Mutter starb ... Das hat ihn geprägt bis ins Innerste ... In Joseph Höffner erlebte ich ein Urvertrauen, im Kreis der Verwandtschaft wirklich von Menschen umgeben zu sein, die zueinander gehören. Im Laufe der vielen Jahre und angesichts der zahllosen Besuche kommt das Zusammengehörigkeitsgefühl nicht immer schwerblütig und bedeutungsvoll daher, sondern oft nahezu beiläufig und selbstverständlich. In der Summe aber ging von Ihnen allen“ – Melzer sprach die anwesenden Verwandten Höffners an – „für unseren Kardinal ein Kraftstrom aus, der nicht versiegte ...“

Unermüdliche Geduld

„Mich hat auch sehr bewegt, mit welcher unermüdlichen Geduld, Sympathie und Zuwendung er die Lebenswege jedes einzelnen seiner Geschwister, Neffen und Nichten, begleitet hat. Stets war er besorgt, dass alle einen Weg fanden, sich schulisch und beruflich besser ausbilden zu lassen. Manches wäre ohne den Bruder Joseph und sein schmales, aber sicheres Pfarrergehalt [in Kail und Trier] damals nicht möglich gewesen.

Er trat für jede und jeden in seiner Familie ein; er litt zutiefst, wenn Unglücke über einzelne Familienmitglieder hereinbrachen. Und wenn solches geschah, dann habe ich erlebt, wie Joseph Höffner ganz still wurde und sich gleichsam für Tage mit Gott zurückzog und betete.“

Kinder gehörten zu seinem Leben

Was Weihbischof Melzer zutreffend, aber zusammenfassend dargestellt hat, wird in der Schilderung der drei Nichten anschaulich und konkret: „Er war ein Familienmensch! Kinder gehörten zu seinem Leben. Das war nur möglich, weil seine Schwester Maria ihn ihr ganzes Leben lang auf all seinen Wegen begleitete.

Schon als Professor in Trier waren Nichten und Neffen über längere Zeit in seinem Haushalt, denn in Notfällen der kinderreichen Geschwister war es für ihn selbstverständlich zu helfen, z. B. Kinder zu sich aufzunehmen, bzw. sich mit darum zu kümmern. Dieses Verantwortungsgefühl für die Familie liegt sicher schon in seiner Kindheit begründet ... Der Kontakt zu seiner großen Familie (Schwestern, Brüder, Nichten, Neffen, Vettern, Cousinen sowie die jeweils dazugehörenden Partnerinnen/Partner und deren Kinder) waren für Onkel Joseph und Tante Maria selbstverständlich, aber auch sehr wichtig.

Wir Nichten und Neffen erlebten, dass Onkel Joseph sehr aufmerksam an unserem Leben teilnahm. Bei seiner Arbeit erübrigte er auch bei spontanen Besuchen Zeit, um uns mit unseren vielfältigen Fragen und Erzählungen zuzuhören. Seine Tür war für uns stets offen ...“

Persönliche Gespräche

Es ist nicht ohne Reiz, die Schilderung des Lebensstils von Höffner, die uns Weihbischof Melzer gab, bei seinen Nichten betätigt zu finden: „Wir erlebten Onkel Joseph als diszipliniert. Die Mahlzeiten wurden, wann immer möglich, zu festen Zeiten eingehalten. Jeder, der zu diesem Zeitpunkt im Haus als Gast war, fand auch seinen Platz am Esstisch. Bei Tisch war die Gelegenheit, persönliche Gespräche zu führen. Tante Maria sorgte dabei für ein sehr gepflegtes Ambiente, welches wir von zu Hause aus nicht unbedingt in diesem Ausmaß kannten, denn bei sechs bis acht Kindern und häufig auch deren Freunden ging es legerer zu. Ansonsten trafen wir ihn im Arbeitszimmer, wobei er dann jeweils seine Arbeit für eine kurze Zeit niederlegte, um sich mit uns in seine Sitzecke zu setzen und sich über alle aktuellen Themen zu informieren. Gespräche, die wir mit ihm führten, waren geprägt von Zuhören, Respekt und Wertschätzung den Menschen gegenüber, die mit ihm im Gespräch waren oder über die gesprochen wurde.“

Gesichtswahrende Lebenseinstellung

Höffner bekam bei solchen Gesprächen mit der jüngeren Generation nicht nur Unproblematisches zu hören: „In den siebziger Jahren besuchte ihn Nichte Ursula, die als Grundschullehrerin im Oberbergischen tätig war. Beim Mittagessen erkundigte er sich lebhaft nach der Gestaltung des Religionsunterrichts in der Schule. Ursula erzählte von ihrer Enttäuschung über die Reaktion des damaligen Ortspfarrers: Für einen anstehenden Schulgottesdienst hatte sie mit den Schülerinnen und Schülern Lieder mit Orff'schen Instrumenten einstudiert. Dies wurde vom Ortspfarrer in dieser Form (Instrumentenbegleitung) nicht gewünscht.

Onkel Joseph hörte ihr aufmerksam zu und reagierte mit seinen uns bekannten vielsagenden „Hm, hm“ . Damit war das Gespräch an dieser Stelle zu Ende. Bei der Verabschiedung später sagte er jedoch zu Ursula: „Die Instrumente nimmst du aber mit!“ An diesem Beispiel aus dem familiären Umfeld kommt eine Lebenseinstellung Höffners zum Ausdruck, die auch in seinen amtlichen Beziehungen oft greifbar wurde: Er wich nicht von Grundsätzen und Ordnungen ab, ermöglichte jedoch eine Anwendung, die den Betroffenen sein Gesicht wahren ließ.

Höffner in Verlegenheit gebracht

Die Nichten verschweigen auch nicht, dass sie ihren erzbischöflichen Onkel bisweilen in Verlegenheit brachten: „Nichte Elisabeth suchte zwecks Missio­Ausbildung die Schulabteilung des Erzbistums in einer jugendbetonten Kleidung auf. Die dortige Sekretärin meinte: ,Clochards [Anm.: Obdachlose] müssen sich unten an der Pforte melden.‘ Elisabeth erzählte Onkel Joseph von dieser Begebenheit. Sein Kommentar: ,Du hast ja auch einen eigenartigen Kleiderstil. Mal kannst du dich als Grande Dame anziehen und mal, als ob du auf das Feld gingest.“

Heiligabend immer mit Familie

Einen besonderen Stellenwert hatten im Hause Erzbischof Höffners die Feste und die Familientage. Seine Nichten berichten darüber: „Ein Festtag war sein Geburtstag am 24. Dezember – Heiligabend.

Der Morgen begann um 7 Uhr mit der Eucharistiefeier in der Kapelle des bischöflichen Hauses. Hier waren dann meistens etliche seiner Geschwister, Nichten und Neffen dabei. Anschließend wurde gemeinsam gefrühstückt. Bis heute trifft sich immer noch eine Gruppe von Nichten und Neffen am Morgen des 24. Dezember in der Sakramentskapelle des Domes zur Eucharistiefeier im Gedenken seines Geburtstages. Die Tradition des gemeinsamen Frühstücks setzen wir auch heute noch in einem Café fort.

Obwohl der 24. Dezember ein sehr arbeitsreicher Tag für unseren Onkel war, wünschte er sich, dass seine Nichte Elisabeth mit ihrem Mann und ihren Kindern um 18 Uhr zu einer kleinen Weihnachtsfeier ins Haus kamen. Erst las Onkel Joseph die Weihnachtsgeschichte vor, anschließend wurde gesungen. Die Großnichten und -neffen kennen noch heute alle Strophen seines Lieblingsliedes „ Zu Bethlehem geboren“. Mit großer Freude schaute er dann den Kindern beim Auspacken der Geschenke zu.“