Aus der Biographie von Joseph Kardinal Höffner

20. Februar 2019 Newsdesk/Je

Auszug aus: Presseamt des Erzbistums Köln (Hrsg.): Unerschrockener Mahner und Bekenner. Der 75. Geburtstag des Erzbischofs von Köln Kardinal Joseph Höffner (=Drei-Kronen-Reihe, Heft 14), Neuss 1982.

Vom jungen Dorfpastor Josef Höffner berichtet Wilhelm Mogge, von 1969 bis 1979 Pressereferent des Erzbistums Köln, in der in Würzburg erscheinenden Zeitung „Deutsche Tagespost", Nummer 5 vom 13. Januar 1982:

In einem Brief vom 17. Oktober 1945 an die Militärregierung in Trier beantragte der damalige Theologieprofessor Dr. Joseph Höffner, ebenfalls Trier, einen Interzonenpass nach Berlin für das Kind Esther Sara Meyerowitz und eine Begleiterin. Was es mit diesem Kind für eine Bewandtnis hatte, geht aus seinem Namen hervor – nicht gerade aus Esther oder Meyerowitz, wohl aber aus Sara. Dieser Name war dem Kind nicht bei seiner Geburt gegeben worden, sondern wurde dem Vornamen Esther auf Grund einer Verordnung der Machthaber des zwölf Jahre währenden tausendjährigen Reiches hinzugefügt. Darin hieß es, dass Juden ab 1. Januar 1939 nur solche Vornamen führen durften, die in einer Liste des Reichsinnenministeriums verzeichnet waren und nach dessen Vorstellungen wohl als typisch jüdisch gelten durften. Wer einen in diesem Sinne nichtjüdischen Vornamen hatte, musste ihm entweder Israel oder Sara anhängen. [...]

Diese Esther Sara Meyerowitz, nicht katholischen, sondern jüdischen Glaubens, hat der junge katholische Seelsorger Dr. Joseph Höffner im März 1943 – kurz vor dem geplanten Abtransport, wie es in dem Brief an die Militärregierung in Trier heißt – in seine Pfarrei Kail an der Mosel bringen lassen. Unter dem Namen Christa Koch fand sie Aufnahme bei der Familie Wilhelm Heucher. Sie besuchte hier auch die Schule und bewegte sich unter ihren Altersgenossen – und ein ganzes Dorf wusste, dass hier ein jüdisches Kind seinen Peinigern und möglicherweise Henkern entzogen wurde.

Auch die Eltern des Mädchens wurden von Versteck zu Versteck gebracht und konnten gerettet werden; die Mutter konnte sogar einige Wochen in Kail bei ihrem Kind sein.

Einiges bleibt festzuhalten:

  • Hier sollte ein Mensch vor der Vernichtung, nicht etwa eine „jüdische Seele" für den katholischen Glauben gerettet werden, auch wenn dieses Kind am katholischen Gottesdienst teilnahm (und nach seinem ersten Kirchbesuch den Pastor fragte, warum er den Leuten Tabletten in den Mund gesteckt habe).
  • Es war ein katholischer Priester, es waren seine Angehörigen, die diesen geglückten Lebensrettungsversuch unternahmen, und es war, wie gesagt, ein ganzes Dorf, das seinem Pastor dabei half.

Es ist nicht anzunehmen, dass in diesem Dorf bei Wahlen keine Stimmen für die NSDAP abgegeben worden sind, anderenfalls dort sicher „nach dem Rechten" gesehen worden wäre. Aber es war ein intaktes Dorf – auch wenn einige seiner Einwohner mit oder ohne Grund der Meinung waren, die Partei des Verderbers wählen zu müssen. Ihre menschliche und christliche Substanz und auch ihr Verhalten im Ernstfall wurden davon nicht berührt.

Es ist von einem zweiten Brief zu berichten. Er ist datiert vom 24. Juni 1946 und ging von Berlin-Zehlendorf nach Trier, ebenfalls an den Professor Dr. Joseph Höffner. „Damals, 1943“, so schreibt darin Frau Dr. Edith Nowak, „als wir Berlin auf legale Weise nicht verlassen konnten ... , damals, als wir nicht wussten wohin – denn niemand hätte uns ja aufgenommen –, haben Sie uns bei Ihrer Familie im Westerwald untergebracht, wo wir dann monatelang ohne polizeiliche Anmeldung bleiben durften. Die Schwierigkeiten, die Ihre Familie damals schon mit dem Naziregime des Kreises Altenkirchen hatte, hat Sie nicht gehindert, dieses Risiko auf sich zu nehmen; denn es wäre ja nicht ohne böse Folgen für Sie und die Ihren geblieben, wenn man erfahren hätte, dass Sie eine Jüdin im Hause verbargen ...“.

 

Warum hier von dem jüdischen Kind Esther Sara Meyerowitz und der Jüdin Dr. Edith Nowak (mitsamt ihrem nicht­jüdischen Mann) berichtet wird? Gewiss nicht, um einen Menschen, der das nicht einmal will, und seine Angehörigen auf den Leuchter zu heben – wohl aber, damit auch auf diese Weise Zeugnis dafür abgelegt wird, dass mitten in einem vor nichts zurückschreckenden Vernichtungssystem Menschlichkeit und Mut ihren Ort hatten. Der 75. Geburtstag des einstigen Dorfpfarrers Joseph Höffner, heute Erzbischof von Köln und Kardinal, ist gerade recht, daran zu erinnern - und das, was dieser eine Joseph Höffner tat, wird nicht durch den Hinweis geschmälert, dass es, Gott Lob, im deutschen Volke mehr als einen Joseph Höffner gegeben hat und gibt, mögen diese anderen auch heißen, wie sie wollen.

 
Abschiedsvorlesung von Professor Höffner am Lehrstuhl für Christliche Gesellschaftslehre der Universität Münster