Vaterunser in der Muttersprache:Die Italienische Mission im Herzen von Köln

Betritt man das Büro von Ingbert Mühe, so sieht man gleich: Hier ist es bunt. An den Wänden und auf dem Schreibtisch befinden sich viele Bilder und Fotografien, entstanden an den unterschiedlichsten Orten weltweit. Kleine Ikonen, Kerzen und Andenken zeugen von zahlreichen Reisen und besonderen Erlebnissen – und von vielfältigen Stilen des Glaubens: In diesem Büro im Kölner Generalvikariat herrscht eine internationale Atmosphäre.

Seit 2019 betreut Ingbert Mühe die Internationale Katholische Seelsorge (IKS) im Erzbistum Köln. Er ist Ansprechpartner für die 42 fremdsprachigen Gemeinden, die bistumsweit für etwa 320.000 Gläubige zuständig sind. „Am Anfang,“ so sagt er, „war ich ganz geflasht, wie groß das alles ist – und wie lange die muttersprachlichen Gemeinden zum Teil schon bestehen.“
Die älteste IKS-Gemeinde ist die italienische Mission in Köln, deren Geschichte bis vor den Zweiten Weltkrieg zurückreicht. Das alte Gebäude wurde 1961 noch von Kardinal Frings geweiht. Ihm wurde schnell klar, dass die zugewanderten Gläubigen aus Italien eine eigene Seelsorge in ihrer Muttersprache brauchten – damit war der Grundstein für die IKS im Erzbistum Köln gelegt. Heute ist die italienische Mission mit ihrer kleinen Kapelle in der Ursulagartenstraße in der Kölner Innenstadt in einem Neubau zu finden.
Hier herrscht ein reges Gemeindeleben. Und Teil dieses Gemeindelebens ist auch Antonella Simone Turco, die an diesem Freitag im Mai eigens für ein Gespräch vorbeigekommen ist.

Fester Bestandteil der Gemeinde
Ihr Vater kam 1957 aus Sizilien nach Deutschland und absolvierte in Köln seine Ausbildung. Hier wurde auch Antonella Simone Turco geboren. Sie engagierte sich schon früh innerhalb ihrer Gemeinde, war Katechetin und Betreuerin von Jugendgruppen. Da ihre Ausbildung im Bereich Finanzen und Buchhaltung lag, sprach sie eines Tages einer der damaligen Priester an: Unterstützung im Sekretariat war gefordert. Mittlerweile ist sie ergänzend zu ihrer Stelle seit 28 Jahren ehrenamtlich aktiv. Noch heute begleitet sie Jugendliche, etwa bei Wallfahrten nach Rom.
Rund 56.000 katholische Italienerinnen und Italiener leben in Köln, sind in der Domstadt zu Hause. Das ist aber nur eine Zahl auf dem Papier, denn zugehörig zur italienischen Mission fühlen sich deutlich mehr Menschen. Wer schon lange hier ist, hat oft die deutsche Staatsbürgerschaft und taucht daher in der Statistik nicht mehr auf. Dafür aber vielleicht im Gottesdienst oder bei Gemeindefesten, denn die innere Zugehörigkeit und der Wunsch, die wichtigen Fragen des Glaubens in der eigenen Muttersprache stellen zu können, spielen eine wichtige Rolle.
Die Heimat ist hier, aber Religion ist Herzenssache – und das Herz schlägt Italienisch
Viele verstehen sich selbst als Deutsche, nur in puncto Religion, da bleiben die Wurzeln das Maß. „Das Vaterunser auf Italienisch fühlt man“ sagt Antonella Simone Turco. Als Ehrenamtlerin organisiert sie viele Aktionen innerhalb der Gemeinde, auch geprägt durch ihre eigene Herkunft. Darunter ist etwa der „Tisch für Obdachlose“ zum Fest des Hl. Joseph, ein Brauch aus Sizilien, bei dem Geld- und Essenspenden für Arme gesammelt werden.

Ingbert Mühe indes erhält durch seine Arbeit auch immer einen Einblick in jedes Land. Er ist viel unterwegs, besucht die Gemeinden, lernt Riten und Bräuche kennen, ist bei Feiern oder Besuchen von Geistlichen der Heimatländer dabei. Kirche habe dabei keine Grenze, hat er schnell festgestellt: „Es ist der gleiche Glaube in unterschiedlichen Sprachen.“
Und: „Generell gibt es bei uns viele junge Gemeinden. Es finden mehr Taufen als Beerdigungen statt, unter anderem aber auch deshalb, weil manche sich dann doch noch in ihrem Herkunftsland beerdigen lassen.“
Bei Antonella Simone Turcos Vater war dies nicht so. Nach seinem Wunsch gefragt, wo er beerdigt werden wolle, antwortete er: „Das Vaterland ist, wer dir das Brot gibt.“ Er wollte nicht nach Sizilien zurück. Vielleicht auch, weil es hier genug Raum gab, den Glauben in der Muttersprache feiern zu können.
Und auch die nächste Generation scheint ihre Heimat hier gefunden zu haben: Die beiden Kinder von Antonella Simone Turco sind in Köln geboren und in der italienischen Gemeinde groß geworden. Auch sie fühlen sich hier zu Hause – in einem kleinen Fleck Italien mitten im Erzbistum Köln.
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