Kuratorium würdigt die Auseinandersetzung mit metaphysischer Leere, Gottesferne und den existenziellen Fragen des Menschen:Dramatiker Ewald Palmetshofer mit Ludwig-Mülheims-Theaterpreis 2026 ausgezeichnet

Köln. Der österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer ist am 2. November 2026 mit dem Ludwig-Mülheims-Theaterpreis ausgezeichnet worden. Der mit 25.000 Euro dotierte Preis fördert eine offene Begegnung zwischen gegenwärtiger deutschsprachiger Theaterlandschaft, den Autoren und der Religion. Das Kuratorium würdigt mit seiner Entscheidung einen der prägendsten Gegenwartsdramatiker, der seit mehr als zwanzig Jahren zu den wesentlichen zeitgenössischen Theaterautoren gehört. In seinen Stücken beschreibt Palmetshofer eine Gesellschaft, die den traditionellen Himmel längst geräumt hat und an der metaphysischen Leere zugrunde zu gehen droht.
In der Jurybegründung heißt es, Palmetshofers Dramatik sei deshalb auch „eine Chronik des Verlusts“. Seine Stücke zeigten, wie religiöse Leitbegriffe wie Messias, Transzendenz und Erlösung in die Profanität geholt und demontiert würden. Zugleich spiegele sich das Fehlen einer tragenden höheren Ordnung in den kunstvoll zerbrochenen Sätzen und im stotternden, kreisenden Sprechen der Figuren. Der Mensch bleibe „eingeschlossen im Am-Leben-Sein“. Die Jury beschreibt diese Erfahrung als eine Art negative Theologie – als einen gewaltigen Verlust, der auch als Antrieb verstanden werden könne.
Unerlöste Sehnsucht
Die Jury verweist in ihrer Begründung auf mehrere Stücke Palmetshofers: Während in „wohnen. unter glas“ Konsum und säkulare Heilsversprechen lockten, spucke die Maschine in „hamlet ist tot. keine schwerkraft.“ den Menschen als Zahl aus. In „Die Verlorenen“ stellten die Figuren mit erschöpfter Resignation fest, dass nur noch ein sinnentleerter Verfall auf sie warte. Auch das pervertierte Streben nach Macht in „Sankt Falstaff“ könne daran nichts ändern.
Das postreligiöse Trauma und die unerlöste Sehnsucht nach dem Glauben kehrten in Palmetshofers Schreiben immer wieder. Seine Stücke machten erfahrbar, was es bedeutet, wenn eine höhere Ordnung und metaphysischer Trost nicht mehr erreichbar scheinen.
Ulrich Khuon würdigt Palmetshofers Sprache und Menschenbild
Die Laudatio hielt Prof. em. Ulrich Khuon, ehemaliger Intendant des Deutschen Theaters Berlin. Ausgehend von Sigmund Freuds Satz „Wenn jemand spricht, wird es hell“, den Palmetshofer seinem Stück „hamlet ist tot. keine schwerkraft.“ vorangestellt hat, beschrieb Khuon die existenzielle Verlorenheit der Figuren und ihre Suche nach einem Ausweg.
Fallen und Warten, stockendes Sprechen und immer neue Anläufe kennzeichneten Palmetshofers Werk. In „Die Verlorenen“ verdichte sich die Erfahrung, dass das Sprechen selbst an ein Ende kommen könne. Mit „Sankt Falstaff“ trete neben die Einsamkeit und den Verlust jedoch auch eine Utopie der Zärtlichkeit. Khuon beschrieb Falstaff als eine „Fleisch gewordene Utopie der Zärtlichkeit“ und als Möglichkeit einer Liebe in unmöglicher Zeit.
Abschließend würdigte Khuon Palmetshofer als einen „sprachgewaltigen, zögernden und doch insistierenden, nicht an ein Ende kommenden Autor“ und als „durch und durch freundlichen Menschen“.
Blick aus theologischer Perspektive
Diakon Patrick Oetterer, Künstlerseelsorger des Erzbistums Köln und Vorsitzender des Kuratoriums, beleuchtete Palmetshofers Stücke aus theologischer Perspektive. Sie zeigten eine Welt, in der die Transzendenz verschwunden sei und gerade dadurch die Frage nach Gott neu sichtbar werde. Die gebrochene Sprache der Figuren lasse sich auch als Ausdruck einer verlorenen Ordnung und als Echo biblischer Klage verstehen. Sein Werk öffne Räume, in denen die Fragen nach Sinn, Transzendenz und menschlicher Verletzlichkeit neu hörbar werden.
„Palmetshofer schreibt keine religiösen Stücke. Aber er schreibt Stücke über die Folgen der Gottesabwesenheit. Palmetshofer schreibt doch religiöse Stücke, nämlich darum, weil man sie heute vielleicht nur noch auf diese Weise und nur so schreiben kann“, resümierte Oetterer. Zugleich bezeichnete er den Dramatiker als „einen Chronisten der Immanenz“ und „einen Theologen der Abwesenheit“.
Palmetshofer antwortet mit mehr als nur Dank
Aufgrund der besonderen Ausrichtung des Preises antwortet Palmetshofer nach seinem Dank auch inhaltlich auf die Auszeichnung. „Was hören wir, wenn wir die einschlägigen Begriffe vernehmen, wenn mit der Religion das Transzendente ins Spiel gebracht wird? Was vielleicht erhoffen wir, was auch fürchten wir?“ fragt Palmetshofer. Die Figuren in seinen Werken wiesen über sich selbst hinaus und konfrontierten den Hörer mit sich selbst. „Als Menschen sind wir aufeinander hin und in die Welt hinein weit geöffnet – in Freude und Schmerz. Und ich glaube, diese Geöffnetheit, dieses Exponiertsein, dieses Offensein, dieses Offenstehen ist unsere Transzendenz.“ Und das sei eben oft schwer auszuhalten und die Versuchung sei groß, diese Offenheit zu schließen. Jedoch sei das das Ende der Freiheit.
Preisverleihung im Museum Kolumba
Die Festveranstaltung im Museum Kolumba, zu der Hausherr Dr. Marc Steinmann und Patrick Oetterer die Gäste begrüßten, vereinte Wortkunst und Klang. Musikalisch gestaltet wurde der Festakt von Barbara Schachtner und Roger Hanschel. Ihr künstlerisches Werk überschreitet auf inspirierende Weise die Grenzen zwischen Musik, Performance und Klangkunst. Die Schauspieler Katharina Schmalenberg und Nicolaus Benda machten die sprachliche Wucht Palmetshofers durch Szenenlesungen unmittelbar erlebbar.
Über den Ludwig-Mülheims-Theaterpreis
Der Ludwig-Mülheims-Theaterpreis wird seit 1991 verliehen, 2026 zum 12. Mal. Das Preisgeld von 25.000 Euro speist sich aus der Erbschaft des katholischen Schauspielers Ludwig Mülheims, die auf Wunsch Mülheims vom Erzbistum Köln verwaltet wird. Damit gehört der Preis zu den bestdotierten deutschsprachigen Literaturpreisen. Die Preisträger werden von einer Jury ausgewählt, die sich aus den Mitgliedern des Kuratoriums des Ludwig-Mülheims-Theaterpreises zusammensetzt.
Zu den bisherigen Preisträgerinnen und Preisträgern gehören u.a. Jon Fosse (2025), Sasha Marianna Salzmann (2024), Fritz Kater (2019), Ferdinand Schmalz (2018), Nuran David Calis (2017) und Lot Vekemans (2016).
Aktuelle Nachrichten aus dem Erzbistum Köln
Pressemitteilungen
Alle Pressemitteilungen des Erzbistums Köln finden Sie im Pressebereich.
Suche innerhalb der News
Service und Kontakt
Service und Kontakt
Pressekontakt
Geschäftszeiten
Pressekontakt
Geschäftszeiten
Mo-Do: 8.30 - 17 Uhr
Fr: 8.30 - 14 Uhr
Erzbistum Köln
Newsdesk










