Statement von Kardinal Woelki zur Enzyklika:Magnifica humanitas: Erste Enzyklika von Papst Leo XIV. veröffentlicht

Magnifica humanitas
Das Lehrschreiben trägt das Datum 15. Mai 2026 - an diesem Tag jährte sich zum 135. Mal die Veröffentlichung der wegweisenden Sozialenzyklika „Rerum novarum“ von Leo XIII. aus dem Jahr 1891.
Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki hat die neue Enzyklika in einer ersten Reaktion bereits umfassend gewürdigt:
Wir können Papst Leo nicht genug für seine Klarheit und Entschiedenheit danken, mit der er in seiner ersten Enzyklika Magnifica Humanitas Orientierung in einem Feld bietet, das derzeit so viele Menschen bewegt und verunsichert. Vielleicht dürfen wir sogar schon heute dieses Schreiben als historisch bezeichnen.
Warum? Weil der Heilige Vater etwas tut, was ohne Beispiel ist: Er verbindet eine aufrichtige Vergebungsbitte der Kirche für ihre historische Mitschuld an der Sklaverei mit einer prophetischen Anklage der Gegenwart. Und er prägt einen Begriff, der die ethische Debatte unserer Zeit verändern kann: Er fordert, die Künstliche Intelligenz zu entwaffnen.
Dabei ist Magnifica Humanitas alles andere als ein technikfeindliches Dokument. Der Papst erkennt ausdrücklich an: „Technologie kann heilen, verbinden, bilden und unser gemeinsames Haus schützen." (MH 9) Das Potenzial der Künstlichen Intelligenz ist enorm – solange wir sie als Werkzeug zum Guten gebrauchen und verhindern, selbst zu Werkzeugen der Technik zu werden oder gar Andere dazu zu machen.
Auf meinen Reisen in die Ukraine und ins Heilige Land habe ich gesehen, was es bedeutet, wenn Algorithmen über Ziele entscheiden, während die Opfer Gesichter, Namen und Familien haben. Der Papst bringt auf den Punkt, was ich dort empfunden habe: „Es existiert kein Algorithmus, der Krieg moralisch vertretbar machen könnte." (MH 198) Und er geht dann sogar noch weiter – er fordert die Überwindung der Theorie des „gerechten Krieges", die – wie er sagt – „allzu oft herangezogen wird, um alle möglichen Kriege zu rechtfertigen" (MH 192). Das ist ein mutiger Schritt, der die katholische Friedensethik auf eine neue Stufe hebt.
Was mich besonders bewegt, ist dabei das Wort entwaffnen. Der Papst schreibt: „Entwaffnen bedeutet nicht, auf die Technologie zu verzichten, sondern zu verhindern, dass sie den Menschen beherrscht. Es bedeutet, sie Monopolen zu entziehen, sie hinterfragbar und anfechtbar und damit lebensfreundlich zu machen." (MH 110) Er würdigt die technologische Innovation sogar als „eine menschliche Form der Teilnahme am göttlichen Schöpfungsakt" (MH 111). Umso ernster ist der Maßstab, den er mit Johannes Paul II. anlegt: „Macht KI das menschliche Leben auf dieser Erde wirklich in jeder Hinsicht ‚menschlicher'? Macht [sie] das Leben ‚menschenwürdiger'?" (MH 129)
Doch der Heilige Vater blickt nicht nur nach vorn – er blickt auch mit einer Ehrlichkeit in die Geschichte zurück, die mich tief beeindruckt. Er bittet im Namen der Kirche um Vergebung für die Mitschuld an der Sklaverei (MH 176) – und schlägt dann den Bogen zu den unsichtbaren Ausbeutungsketten unserer digitalen Gegenwart: zu den Kindern in den Minen, den unsichtbaren Datenarbeitern, den Opfern des Menschenhandels über digitale Plattformen. Seine Warnung sollte uns alle aufrütteln: „Wenn wir in Zukunft nicht um Vergebung bitten wollen, weil wir dem Schatz der Menschenwürde, der unserem Glauben innewohnt, nicht treu geblieben sind, dann liegt es jetzt an uns, den Menschenhandel in seinen vielfältigen Erscheinungsformen direkt und entschieden anzuprangern." (MH 177)
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