Demenz ins Zentrum stellen:Teilnehmerrekord bei Wallfahrt für Menschen mit und ohne Demenz 2026

Sie waren einmal die Stütze des kirchlichen Lebens am Ort: Menschen, die heute 70, 80, 90 Jahre und älter sind. Doch eine wachsende Zahl von ihnen lebt im hohen Alter in einer Pflegeeinrichtung und ist damit für die Gemeinde nicht mehr sichtbar. Auch die Zahl derer, die ihre geistigen Fähigkeiten aufgrund einer demenziellen Veränderung verlieren und im Alltag auf Unterstützung angewiesen sind, steigt stetig. Trotzdem dürften solche Menschen nicht aus dem Blick geraten – im Gegenteil, sie sollten gerade wegen ihrer Demenz ins Zentrum gestellt werden, „mittendrin sein“ – dafür macht sich Pastoralreferent Elmar Trapp stark. Traditionell feiert er daher seit 2017 im Rahmen der Dreikönigswallfahrt mit ihnen Gottesdienst am Dreikönigenschrein.
„Großer Gott, wir loben dich.“ Mit fester Stimme singt Ursula Braun das bekannte Kirchenlied mit. Die 99-Jährige sitzt nach einem Oberschenkelhalsbruch im Rollstuhl, seit März wohnt sie im Lindenthaler Seniorenhaus St. Anna. Aber sonst ist die zierliche Kölnerin noch ziemlich fit. Und als die Einladung zur Teilnahme an der diesjährigen Dreikönigswallfahrt kam, war sie sofort mit dabei. „Von Kind auf bin ich in die Kirche gegangen, habe an Wallfahrten teilgenommen – und zuletzt auch noch an der Fronleichnamsprozession“, berichtet sie, so dass ihr diese Domandacht gerade jetzt, da sie nicht mehr mobil sei, viel bedeute. „Bis heute bete ich morgens, mittags und abends. Das gehört für mich einfach dazu.“

Sieben Andachten im Halbstundentakt
Auch Brigitta Behrendt aus dem Alten- und Pflegeheim St. Elisabeth in Frechen-Königsdorf kennt die Strophen von „Maria, breit den Mantel aus“ noch auswendig und steht bei diesem Wortgottesdienst mit ihrem Rollstuhl in der ersten Reihe – direkt vor Pastoralreferent Elmar Trapp. Gespannt hört die 81-Jährige zu, als der Theologe, der an diesem Nachmittag im Wechsel mit Domvikar Jörg Stockem im Halbstundentakt sieben Andachten für insgesamt 410 Menschen mit und ohne Demenz feiert, die Geschichte von den Heiligen Drei Königen vorträgt und über deren Gottsuche spricht. Bewusst kurz hält Trapp seinen geistlichen Impuls, denn er weiß, dass die Aufmerksamkeitsspanne seiner Zuhörerinnen und Zuhörer begrenzt ist. Und dennoch will er an ihre Glaubensbiografie und tiefe spirituelle Sehnsucht „andocken“, wie er erklärt, „aufdecken, was im hohen Alter aufgrund der Demenzerkrankung verschüttet scheint“.
Mit allen Sinnen glauben
Trapp setzt da an, wo er auch die Menschen mit einer Demenz noch erreicht: bei ihrer sinnlichen Wahrnehmung, wozu das Orgelspiel, der gemeinsame Gesang, aber auch der in der Nachmittagssonne funkelnde goldene Schrein mit den wunderbaren Blumenarrangements gehören – und nicht zuletzt das Licht der vielen Kerzen vor der Schmuckmadonna. Auch das Erlebnis, von einer Betreuungsperson unter dem Schrein hergefahren zu werden, verbuchen die alten Menschen als berührende Erfahrung. Die meisten erleben das zum ersten Mal, auch wenn viele von ihnen früher öfter im Dom waren.

Selbstformulierte Fürbitten
Einfühlsam geht der Seelsorger auf die Lebenswirklichkeit der betagten Wallfahrtsteilnehmer ein, fragt sie nach dem, was sie – wie die Weisen aus dem Morgenland – zu dieser Nachmittagsstunde in den Dom mitgebracht haben: an Bitten, Anliegen, Zweifeln oder auch – analog zu den Gaben Gold, Weihrauch und Myrrhe der Heiligen Drei Königen – an Geschenken ihres Glaubens. „Ein Gedenken an Frau Schnittke, die gestern verstorben ist“, ruft eine Seniorin spontan in den Raum. „Für Frieden in der Welt“, formuliert eine andere ihre Fürbitte. „Dass unser Land stabil bleibt. Und für alle pflegenden Angehörigen.“ Und mit letzter Kraft flüstert kaum hörbar jemand: „Für einen nahenden Tod.“
Aber auch bei denen, die sich nicht mehr artikulieren können, regt sich spürbar etwas. Mit einem Mal erhellt sich kurz der Gesichtsausdruck oder aber der Fuß wippt mit, als ein weiteres Lied erklingt und Trapp bald darauf zum Beten des „Vater unser“ einlädt. Plötzlich wird aus einer scheinbaren Teilnahmslosigkeit nochmals ein momentanes Aufleuchten. Aus dem, was der Kopf an Erinnerungen nicht mehr speichern kann, wird noch einmal ein Fühlen mit dem Herzen. Mitunter blitzt auch die eine oder andere Träne auf.
Immer noch eine große Glaubenstiefe vorhanden
Als Regionalbeauftragter für Altenheimseelsorge im Stadtdekanat Köln ist Pastoralreferent Trapp viel in Senioreneinrichtungen unterwegs, in denen er zu „Begleitern in der Seelsorge“ qualifiziert. Von daher kennt er auch viele Altenheimbewohner persönlich und weiß, dass sie sich das ganze Jahr auf diesen Ausflug zum Dom freuen. „Wir dürfen diese Menschen mit ihren religiösen Bedürfnissen nicht vergessen“, betont er, „sondern müssen sie bei ihrer Suche nach einem spirituellen Anker in ihrem Leben unterstützen und ins alltägliche Gemeindeleben inkludieren.“ Er beobachte in der Begegnung mit alten Menschen – auch bei der mit Menschen mit Demenz – dass oft noch eine große Glaubenstiefe vorhanden sei. „Da können wir Schlüsselreize setzen und Anregungen von außen geben.“ Die Dreikönigswallfahrt sei dazu ein ganz wichtiges Instrument und verzeichne von Jahr zu Jahr neue Teilnehmerrekorde.
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