Interview über Rassismus mit Regens Regamy Thillainathan

Der Leiter es Kölner Priesterseminars Regamy Thillainathan spricht im Interview über Rassismus in der katholischen Kirche und der deutschen Gesellschaft.

17. November 2022
Pfarrer Regamy Thillainathan

Wo liegen die Gründe für Rassismus in unserer Gesellschaft?

Ich glaube, dass Rassismus bei uns immer dann vorkommt, wenn unvorhersehbare Ereignisse unser Leben einholen oder wir aus dem normalen Alltag herausgerissen werden, weil wir feststellen, dass dieses Thema doch nicht überwunden ist.

Diese Grundhaltung gibt es sehr stark in den Vereinigten Staaten, aber auch in Deutschland: Wir meinen, durch Martin Luther King oder Nelson Mandela in den 1960er- bis 1980er-Jahren erreicht zu haben, dass Schwarze und Weiße nebeneinander friedlich koexistieren können, dass sie über gleiche Rechte verfügen und ihnen selbstverständlich die gleiche Würde zugesprochen wird.

Wir sind natürlich auch geprägt von der Geschichte, die geschehen ist. Jetzt denken wir, wir können dieses Thema ad acta legen. Das, was jetzt ansteht, auch im Jahr 2022, ist, dafür zu sorgen, dass das, was an Rechten erarbeitet worden ist, auch in den Köpfen und Herzen der Menschen ankommt.

Wieso gibt es Rassismus auch innerhalb der katholischen Kirche?

Weil es ihn nicht geben darf! Gerade weil man meint, wir hätten doch das verstanden, was Jesus von Nazareth gesagt hat, dass alle Menschen gleich sind. Wir haben doch die Nächstenliebe im Programm stehen. Man kann uns doch nicht vorwerfen, dass wir rassistisch sind. Und da beginnt die große Schwierigkeit: Wir wollen Themen einfach nicht anschauen, weil es sie nicht geben darf. Das ist nicht nur beim Rassismus so, sondern bei allen Formen von Diskriminierung. Genauso existieren auch Homophobie und alles andere, was es nicht geben darf, nicht.

Für uns als Kirche ist die größte Herausforderung, immer wieder bekennen zu müssen, dass zwar die Kirche Diskriminierungen aller Art von ihrer Grundverfassung her überhaupt nicht beinhalten kann und darf, aber wir Menschen, die Kirche sind, Kirche vor Ort leben und ihr ein Gesicht geben. Wir sind da mit unseren menschlichen und vor allem gesellschaftlichen Schwierigkeiten nicht außen vor. Wir müssen in der Diskussion um das Thema Rassismus in der Kirche ehrlich, aufrichtig und genau hinschauen und auch über die kolonialen Strukturen, die immer noch irgendwo verankert sind, sprechen. Es ist Teil unseres Erbes ob wir es wollen oder nicht –, dass Rassismus, Kolonialismus und Kirche ganz eng miteinander verbunden sind.

Der Diözesanverband Köln des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) beschäftigt sich durch die Ausstellung „Rassismus geht uns alle an!“ aktuell damit in den eigenen Strukturen. Was halten Sie davon, dass sich junge Menschen auf diese Weise mit dem Thema auseinandersetzen?

Wir haben ja eigentlich schon in den letzten Jahren immer wieder erlebt, dass viele Themen, die notwendigerweise die Kirche angehen, durch die Jugendverbandsarbeit wieder in die Kirche hineingeholt wor- den sind. Das Thema Klimagerechtigkeit beispielsweise. Das hat eine gewisse Tragik, ist aber auch vielleicht die entscheidende Herausforderung, dass die Jugendverbände manchmal sogar schmerzhaft die Finger in die Wunden legen müssen, wo die Kirche als großes Ganzes in ihrer normalen Prägung einfach blind geworden ist.

Das Thema Rassismus und gerade auch die Schwierigkeiten der „People of Colour“ in Deutschland sind kirchlich gesehen zum ersten Mal von der Jugendverbandsarbeit aufgegriffen worden. Deswegen finde ich es auch folgerichtig und wichtig, dass dort daran weitergearbeitet wird. Aber ich glaube, dass auch beim Thema Klimagerechtigkeit die Jugendverbandsarbeit feststellen muss, dass es, bis das ankommt, ein paar Jahre dauert. Das darf aber ja nicht die Begründung dafür sein, das nicht anzugehen, den Kopf in den Sand zu stecken und aufzugeben.

Was wünschen Sie sich jetzt?

Es gibt zwei Dinge, die ich mir wünsche – von der Kommunität der Schwarzen, der Menschen mit Migrationshintergrund: dass nicht alle Themen, alle Herausforderungen, nicht all das, was uns im Alltag begegnet, schnell mit dem Wort „Rassismus“ abgetan wird. Das führt uns nicht weiter, wenn es rein auf dieser Ebene der Schuldzuweisung geschieht – dann bringt es uns nur zu einer gewissen Blockade von beiden Seiten.

Von den Weißen erwarte ich, dass, wenn das Thema Rassismus auftaucht, das nicht direkt als Vorwurf verstanden wird. Deswegen habe ich mit den Menschen mit Migrationshintergrund angefangen, weil ich glaube, wir haben eine Verpflichtung, mit viel Wohlwollen und Verständnis die Menschen auf Dinge hinzuweisen, ohne dass sie sich selbst in Verteidigungshaltung begeben müssen. Denn das führt immer wieder dazu, dass das, was uns vielleicht auch zusteht, nicht erreicht werden kann, weil es nicht in den Herzen und Köpfen der Menschen ankommt. Wir brauchen, glaube ich, ein sehr wohlwollendes Miteinander, um auf Dinge hinzuweisen, ohne dass direkt eine Verteidigungshaltung aufgebaut wird.

 

Ausstellung „Rassismus geht uns alle an!“

Ausstellung „Rassismus geht uns alle an!“

Es gibt viele Bereiche, in denen eine Auseinandersetzung mit den Themen Rassismus und Kirche sowie Rassismus und Glaube stattfinden muss, findet der Diözesanverband des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend. Ein Ergebnis dieser Überlegungen ist die Wanderausstellung, die ab Januar ausgeliehen werden kann.