Susanna-Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum Köln

Vom Mittelalter bis MeToo: umstrittene Bilder einer tugendhaften Frau – Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum zeigt bis zum Frühjahr 2023 die weltweit erste Susanna-Ausstellung.

17. November 2022
Bild aus der Susanna-Ausstellung im Museum Wallraf

Die Geschichte der Susanna ist eine topmoderne Kriminalgeschichte: Zwei alte lüsterne Männer werfen gierige Blicke auf eine schöne nackte Frau beim Bade. Durch eine perfide Erpressung wollen sie die junge Mutter und verheiratete Frau gefügig machen. Doch Susanna bleibt standhaft und wird als Ehebrecherin verleumdet vor Gericht gestellt. Mit einer die Rechtsgeschichte revolutionierenden kriminalistischen Verhörtechnik überführt der junge Prophet Daniel die beiden Alten der Lüge.

An Dramatik ist diese Geschichte kaum zu überbieten. Kein Wunder, dass sie die Fantasie der Kunstschaffenden von der Spätantike bis heute beflügelt hat. In der biblischen Geschichte ist von der Susanna als Nackte nie die Rede. Ganz bibeltreu wurde in der frühchristlichen Katakombenmalerei Susanna als Schaf zwischen zwei Wölfen dargestellt – ein Sinnbild für innertheologische Auseinandersetzungen um den rechten Glauben.

Ganz nackt war Susanna auch nicht in den mittelalterlichen Bildern, erklärt Kurator Roland Krischel: „Aus dem Bad wurde ein reines Fußbad, das heißt, sie rafft die Kleidung und taucht die Füße ins Wasser. Das war im 15. Jahrhundert schon gewagt genug.“ Spätestens in der Renaissance und vor allem in der Barockzeit fielen die Hüllen der Susanna.

Malerei unter Pornografie-Verdacht

Die Herausforderung für die Künstler der Renaissance und im Barock war, die verführerische Schönheit der Susanna und ihre Missbrauchsgeschichte lebendig und überzeugend in Szene zu setzen. Wenn die Alten auf Anthonis van Dycks Gemälde der wehrhaften Susanna das Badetuch wegziehen wollen, sind wir mitten im dramatischen Geschehen einer versuchten Vergewaltigung. Aber ging es den Künstlern wirklich nur um die brutale Geschichte einer tugendhaften Frau aus der Bibel oder setzten sie auch auf die erotisierende Wirkung ihrer Bilder?

Die feministische Kunstbetrachtung seit 1980 verurteilte diese Darstellungen als religiös verbrämte Pornografie für eine rein männliche Auftraggeberschaft, so Krischel. In der Ausstellung werden aber auch Susanna-Darstellungen für weibliche Auftraggeberinnen gezeigt. „Susanna ist insbesondere in den Stundenbüchern für Frauen ein wichtiges Thema. Manchmal mit demselben Motiv wie für die Männer“, erklärt Anja Sevcik, stellvertretende Direktorin und Barockexpertin am Wallraf-Richartz-Museum. Eine rein voyeuristisch-männerkritische Interpretation des Motivs der nackten Susanna greift also zu kurz.

Susanna und die göttliche Gerechtigkeit

Auf einem kleinen Schmuckstück, dem über tausend Jahre alten, kostbaren Lothar-Kristall, wird in acht Einzelszenen die Geschichte der Susanna und des jungen Propheten Daniel als Triumph der Gerechtigkeit gegenüber rechtlicher Willkür erzählt. „Diese Geschichte kann auch als sehr schöne gesellschaftliche Utopie gesehen werden, in der eine Frau und ein Kind gegenüber Machtmissbrauch, Korruption, Lüge und Verleumdung den Sieg davontragen“, so Sevcik. Besonders in den Rathäusern und Schöffenzimmern des Mittelalters war das Susanna-Motiv beliebt. Das monumentale Gemälde von Nicolaas Roosendael (17. Jahrhundert) in der Ausstellung vermittelt ein beeindruckendes Bild von der berühmten Gerichtsszene mit Susanna als Ikone der Tugendhaftigkeit.

Hitchcock, Artemisia und der feministische Blick

Susannas Geschichte ist außerdem eine aktuelle MeToo-Geschichte. Alfred Hitchcock hat in seinem Filmklassiker „Psycho“ die Susanna-Geschichte bewusst inszeniert. Der schizophrene Norman Bates beäugt die duschende Marion Crane durch ein Guckloch wie die Alten die Susanna durch eine Hecke. Doch kein Gott hilft ihr vor dem sicheren Tod. In einem eigenen Ausstellungsraum werden noch weitere Verbindungen von Hitchcocks Thriller zur Susanna-Geschichte aufgezeigt. Aus den Memoiren von Schauspielerin Tippi Hedren erfahren wir, dass Hitchcock selbst vor massiven sexuellen Belästigungen nicht zurückgeschreckt ist.

Hochspannend ist die künstlerische Auseinandersetzung der Künstlerin Kathleen Gilje mit der Barockmalerin Artemisia Gentileschi und deren Susanna-Gemälden. Gilje sieht in Gentileschi eine frühe Feministin, die Opfer einer Vergewaltigung wurde und sich gewehrt hat. In der Ausstellung werden Susanna-Bilder von Gentileschi den Interventionen von Gilje gegenübergestellt.

Auch die Fotografien der zeitgenössischen Künstlerin Zoe Leonard oder die großformatige Arbeit von Heike Gallmeier am Eingang der Ausstellung fordern heraus, sich mit Geschlechterrollen und der MeToo-Debatte auseinanderzusetzen. Anja Sevcik ist gespannt auf die Reaktionen: „Wir hoffen, einen wichtigen Beitrag leisten zu können, um das Susanna-Thema in seiner Vielschichtigkeit ins Bewusstsein zu rufen.“

 

Ausstellung „Susanna“: Umstrittene Bilder einer tugendhaften Frau

Ausstellung „Susanna“: Umstrittene Bilder einer tugendhaften Frau

Bis zum 26. Februar können Sie die Ausstellung „Susanna – Bilder einer Frau vom Mittelalter bis MeToo“ im Kölner Wallraf-Richartz-Museum besuchen. Begleiten Sie uns bereits jetzt auf eine kleine visuelle Stippvisite entlang der Bilder der Barockmalerin Artemisia Gentileschi.