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„Gott immer wieder neu kennenlernen“:Kardinal Woelki stellte in Waldbröl seine geistliche Vision vor

'Ein Sonntag mit dem Kardinal' in Waldbröl, 31. Mai 2026
Datum:
3. Juni 2026
Von:
Newsdesk/bto
Was brauchen wir heute und morgen wirklich, um als Kirche einladend, dienend und missionarisch zu sein – und was nicht (mehr) – wenn Kraft, Finanzen und Hauptamtliche rückläufig sind? Welche Schwerpunkte soll es zukünftig geben? Im Rahmen des Formates „Ein Sonntag mit dem Kardinal“ besuchte der Erzbischof jetzt die neu fusionierte Gemeinde St. Michael und St. Gertrud in Oberberg Süd und lud zum Austausch darüber ein.

„Glaube, Vertrauen und Gebet als Fundament für Wachstum. Pflege einer Willkommenskultur. Eine Kirche, die ihre hierarchischen Strukturen überdenkt. Authentizität von Glaubenszeugen. Die Kirchen müssen für Besucher geöffnet bleiben. Der Mensch sollte im Mittelpunkt stehen, nicht die Strukturdebatte. Lebendige und fröhliche Gottesdienste. Rituale der Volksfrömmigkeit wie Rosenkranz, Prozessionen und Wallfahrten wieder beleben.

Den Glauben vorleben, nicht überstülpen. Mehr Gospel und Pop in die Liturgie integrieren und damit die jungen Leute in die Kirche zurückholen. Niederschwellige Angebote für Neuzugezogene. Gespräche auf Augenhöhe.“ Der Wunschkatalog der Teilnehmenden, die nach dem Gottesdienst mit Kardinal Woelki den Weg ins Pfarrheim von St. Michael in Waldbröl gefunden haben, um hier mit ihm in den Austausch über die geistliche Vision des Erzbistums zu kommen, ist vielseitig und lang. 

Gläubige gestalten Zukunft von St. Michael und St. Gertrud mit

Veronika Bräu vom Fachbereich Evangelisierung und Thorsten Giertz, Fachbereichsleiter Entwicklung Pastorale Einheiten im Erzbischöflichen Generalvikariat, lesen am Ende im Plenum vor, was in Kleingruppengesprächen zusammengetragen und als Stichworte unter der Maßgabe „Das ist mir auch zukünftig wichtig“ festgehalten wurde.

Dabei hatte Moderatorin Tabea Wiemer, die den Fachbereich Evangelisierung leitet, zuvor Impulsfragen gestellt, die mit eigenen Glaubenserfahrungen und -prägungen zu tun haben oder auch erahnen lassen sollten, was Menschen brauchen, um sich in einer Pfarrei willkommen und beheimatet zu fühlen. Außerdem leitet sie auch in Waldbröl wiederholt zur Methode „Sprechen und Hören im Heiligen Geist“ an, um angesichts des gemeinsamen Neustarts von insgesamt 13 „aktiven Kirchorten mit 17.000 Katholiken auf einer Gesamtfläche von 232 Quadratkilometern“, wie Pfarrverweser Markus Brandt seinen seelsorglichen Wirkungsraum vorstellt hatte, für ein neues, atmosphärisch gutes Miteinander zu werben. 

Kardinal: Neuanfang als Herausforderung und große Chance

Erst kürzlich hatte Kaplan Brandt alle Gläubigen der neuen Einheit zu einem „Gemeindekennlerntag“ eingeladen, bei dem es mit dem Bus einmal quer durch das flächenmäßig enorm große Gebiet von Waldbröl über Friesenhagen bis hin in den Marien-Wallfahrtsort Alzen gegangen war – um Vorbehalte abzubauen und neue Beziehungen untereinander über Pfarreigrenzen hinweg aufzubauen. Bereits zu Beginn der Eucharistiefeier war der Kardinal auf die neuen Voraussetzungen eingegangen, unter denen von nun an die gemeinsame Zusammenarbeit der 13 ehemals eigenständigen Gemeinden steht. Ausdrücklich dankte er allen Anwesenden, dass sie diesen „nicht leichten Schritt“ in den letzten Monaten mitgegangen seien, auch wenn das bedeutet habe, „gleichzeitig viel an Lebendigkeit an den einzelnen Orten zurückzulassen“.

Wörtlich erklärte Woelki: „Wir stehen vor Herausforderungen, die wir uns nicht selbst gesucht haben. Aber wir gründen uns neu auf Jesus Christus, der der Ursprung unseres Glaubens ist.“ Gleichzeitig betonte er, dass es bei der Neugründung einer Pfarrei nicht primär um einen formalen Akt gehe, sondern um „unsere Sendung, als Christen zu leben und das Evangelium zu den Menschen zu tragen“. Nichts anderes bedeute Evangelisierung: die Frohe Botschaft in die Welt zu tragen, andere am eigenen Glauben teilnehmen zu lassen, sich als Gemeinde um Jesus Christus zu sammeln sowie geschwisterlich miteinander zu leben.

Perspektivenvielfalt als Bereicherung

Später fragt der Kardinal in die Runde: „Wie wollen wir 2030, 2035 oder 2040 als Christen erkennbar sein?“ Um nicht nach dem Rasenmäherprinzip zu kürzen, seien in den kirchlichen Gremien wie dem Diözesanpastoralrat aus vielen Gesprächen und gemeinsamem Gebet Schwerpunkte erwachsen, erläuterte er.

Denn darum gehe es im Kern: aus dem Evangelium heraus – und damit auf der Grundlage der Liebesbotschaft Jesu Christi – Priorisierungen vorzunehmen, um die Kirche von Köln zukunftsfähig zu machen. In der Kirche, in der Gruppe, in der Familie sollten Orte der Vertrautheit und Freundschaft mit Gott entstehen. „Wie reich sind wir doch, wenn unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen!“, zeigt sich Woelki denn auch angesichts der zusammengetragenen Ergebnisse aus den Kleingruppen beeindruckt. Und Moderatorin Wiemer beteuert: „Jede Stimme ist gleich wichtig. Alle werden gehört! Es gibt kein richtig oder falsch.“ 

Sonntag mit dem Kardinal gibt Gemeindemitgliedern Impulse

„Ich nehme aus der Veranstaltung heute die Aufgabe mit“, resümiert Sarah Schmidt, Mitglied im neu gegründeten Gemeinderat der Pastoralen Einheit Oberberg Süd, beim anschließenden gemeinsamen Pizzaimbiss im Pfarrzentrum, „dass wir offenere Strukturen schaffen und alternative Formate finden müssen, um die Gemeinde neu zu denken.“ Und Magda Baer Radermacher ergänzt: „Wir müssen einen Weg finden, dass Jugendliche hier einen Platz für sich finden. Wir sind gefordert, unsere Gemeinschaft neu aufzubauen, wie sie zuletzt ein bisschen verloren gegangen ist, um auch unseren Kindern wieder eine geistliche Heimat zu geben.“ 

Grundsätzliche teile er die Sorge um die Jugend, sagt der Kardinal. „Und ob sie dauerhaft wieder den Weg in eine Gemeinde finden, wie wir sie kennen, weiß ich nicht. Man kann keinen neuen Wein in alte Schläuche füllen“, räumt er offen ein. Dass sich aber gerade in Düsseldorf, Wuppertal, Köln und Brühl neue Gemeinden mit vielen jungen Menschen gegründet hätten – Stichwort Church-Planting – und immer noch mehr hinzukämen, mache ihm persönlich Mut, genauso wie die – Stand jetzt – 1500 Anmeldungen zu dem Glaubensfestival „kommt & seht“ ab dem kommenden Freitag in der Kölner X-Post.

Wichtig sei doch, schildert Ulla Anders aus Wildbergerhütte ihre Sicht auf den neuen Gemeindezuschnitt, rein zwischenmenschlich Kontakte zu knüpfen. „Allein über die Kirchorte wird das nicht gehen. Wenn wir wirklich zusammenfinden wollen, müssen wir uns um die Mitte scharen: Jesus Christus.“

Dabei seien Messe und Austausch die tragenden Säulen. „Ich bin Realistin genug, um zu wissen, dass es so nicht weitergehen kann. Und bei dieser ganzen Meckerei über neue Strukturen mache ich nicht mit.“ Sie vertraue eher auf den Heiligen Geist und sei überzeugt davon, „dass die Kirche nicht zugrunde geht – nur weil es nicht mehr so ist, wie es einmal war“. Entschlossen formuliert sie: „Es wird eine neue Kirche geben. Und die wird in jedem Fall geisterfüllt sein!“

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